E. Mindanao mit dem Sulu-Archipel.
Es ist sehr schwer, die Entdeckungsgeschichte dieser Insel mit apodiktischer Sicherheit wiederzugeben, denn nirgends waren die ersten spanischen Seefahrer so freigebig mit Namensbezeichnungen, die sich selten localisiren lassen, als hier.
In der ersten Zeit besass diese zweitgrösste Insel der Philippinen gar keine Gesammtbezeichnung, sondern nur die Namen der einzelnen Districte, denen das Wort Isla (Insel) vorgesetzt wurde, so dass man glauben konnte, einen ganzen Archipel, statt einer einzigen grossen Insel vor sich zu haben. Noch im Anfange des XVII. Jahrhunderts finden wir Bezeichnungen wie: Isla de Caraga, Isla de Butuan &c. vor. Auf diese Weise entstand die nie existirende Insel San Juan auf den alten Karten im Nordosten von Mindanao, welche, nebenbei gesagt, noch in Spruner’s historischem Handatlas ihre mysteriöse Existenz ungestört weiterfristet. Der Name Mindanao war auf das Mündungsgebiet des Rio Grande de Mindanao beschränkt, wo das mächtige Sultanat gleichen Namens sich bildete. Als durch die Jesuiten der Name Mindanao bald zur Gesammtbezeichnung der ganzen Insel wurde, entstanden grössere Confusionen selbst bei minder oberflächlichen Schriftstellern, indem die Landschaft Mindanao, das gleichnamige Sultanat (welches in seiner Blüthezeit die ganze Westküste des Eilandes umfasste) und die gesammten Inseln miteinander verwechselt wurden. Bei Benutzung alter Werke ist daher grosse Vorsicht nöthig, wenn man in denselben auf den Namen Mindanao stösst, selbst wenn dort „Isla de Mindanao” sich findet, ist oft nur das Mündungsgebiet des obenerwähnten Flusses gemeint. Nur wenn wir auf den Namen La Isla Grande (de Mindanao) stossen, ist jeder Zweifel überflüssig. Die Variante Magindanao wurde von spanischen Schriftstellern nur selten gebraucht. Der gediegenste Historiker der Insel der selbst lange Jahre auf ihr zugebracht hatte (Mitte des XVII. Jahrhunderts), P. Combes, schreibt stets Mindanao. Die Leute Magallanes’ nannten die Nordküste der vom Panguil-Busen sich vom Hauptkörper abtrennenden westlichen Halbinsel Mindanao’s Quipit oder Quepindo, eine Bezeichnung, die sehr rasch in Vergessenheit gerieth. Die Ost-Küste von Mindanao wurde schon damals nach ihrem Hauptorte Costa de Caraga (bei Pigafetta: Calagan) genannt. Bernardo de la Torre gab 1543 der ganzen Insel[15] den Namen Cesarea, doch ist auch diese Bezeichnung vollständig in Vergessenheit gerathen. Der nördliche Theil dieser Caraga-Küste hiess hier zur Zeit Legazpi’s vorübergehend nach einem Vorgebirge Costa de Cauit (Coauit). Zu Ende des XVI. und Anfang des XVII. Jahrhunderts zerfiel Mindanao in folgende (geographische) Landschaften, welche zum Theile sich mit den gleichnamigen politischen Gebieten deckten: 1. Mindanao (das Mündungsgebiet des Rio Grande de Mindanao und das zwischen diesem Flusse und dem südlichen Theile der Cordillera de Sugut oder Sujut liegende Territorium). 2. Buhayen, auch Buhayan, Boayhan &c. genannt (das Land zwischen dem Rio Grande und der Bahia de Sarangani, den Oberlauf des mehrgenannten Flusses mit einbegriffen). 3. Caraga umfasste die ganze Ostküste Mindanao’s bis zum südlichsten Punkte der Insel, der Punta Tinaca; auch das ganze Gebiet des Flusses Agusan, der bei Butuan mündet, wurde zu Caraga gerechnet. 4. Iligan (die Küste zwischen Iligan und der Insel Camiguin). 5. Das Land der Illanos und Malanao (das Territorium zwischen der Illanos-Bai[16] und dem Panguil-Busen mit dem See von Malanao). 6. Sibuguey mit Zamboanga[17], die langgestreckte Halbinsel umfassend, welche, von dem Isthmus zwischen dem Panguil-Busen und der Illanos-Bai beginnend, sich gegen Westen und Südwesten ausdehnt und bei Zamboanga ihr Ende findet. Zamboanga hiess damals Sampoangan.
Nach dieser kurzen Beschreibung der alten Eintheilung Mindanao’s will ich zur Registrirung der Entdeckung seiner Küsten übergehen, wobei ich von dem Princip ausgehe, nur jene Entdeckungen zu melden, welche sich aus den Quellen ohne jede mir verhasste Hypothesenreiterei erweisen lassen.
Beginnen wir bei der Nordküste: Die Bai von Butuan sowie die Surigao-Halbinsel entdeckte Magallanes 1521. Schwieriger ist es, die Entdeckung der Insel Camiguin und der zwischen dem Panguil-Busen und dieser Insel gelegenen Küstenstriche festzustellen. Gründlich untersucht wurde dieses Gebiet durch die Expeditionen, welche Legazpi von Cebú aus 1565–1569 nach Mindanao unter Sauz, Goyti und Isla abschickte, weshalb ich auf meiner Kartenskizze es mit der Farbe der Legazpi-Entdeckungen colorire, obwohl bereits die Expedition des Villalobos einzelne Theile dieses Landes gesehen hat (Villalobos selbst nicht, aber von ihm auf Lebensmittelrequisition abgeschickte Schiffe). Der Panguil-Busen wurde wegen der Gefährlichkeit seines Fahrwassers, der Unwirthbarkeit seiner Gestade und der Feindseligkeit seiner Umwohner von den ersten Conquistadoren nur an seiner breiten Mündung besucht; vollständig wurden seine Gestade erst in den Jahren 1639 und 1640 erforscht, als der kühne Gobernador der Philippinen, Corcuera, systematisch von allen Seiten den Angriff auf die unabhängigen Malaien Mindanao’s eröffnete, um Spanien den Besitz der ganzen Insel zu sichern. Bei dieser Gelegenheit wurde auch der See von Malanao durch eine von Iligan abgehende Expedition entdeckt und seine Gestade für kurze Zeit Spanien zinspflichtig gemacht. Die ganze Umgebung Dapitans wurde erst 1565 von Don Miguel Lopez de Legazpi entdeckt. Es darf nicht verschwiegen werden, dass Dapitan wahrscheinlich in der Zeit von 1531–1562 von Portugiesen besucht worden war, da wir aber hierüber keine sicheren Nachrichten besitzen, und Legazpi selbst von den Eingeborenen Nichts über eine frühere Ankunft oder Anwesenheit von Europäern erfuhr, so belassen wir den Spaniern den Ruhm der ersten Entdeckung. Die Küste um das Cap Quipit wurde im Jahre 1521 von Carvalho entdeckt. Die langgestreckte Halbinsel, an deren südlichem Ende Zamboanga liegt, wurde erst unter Legazpi näher erforscht, als die Spanier, unterstützt von den Fürsten von Dapitan, jenes Land der Krone Castiliens unterwarfen, doch ist auch hier mehr als wahrscheinlich, dass die Leute des Magallanes die ersten waren, welche dieses Land gesehen hatten. Die Entdeckung des Mündungsgebietes des Rio Grande de Mindanao gebührt ohne alle Frage den Portugiesen, ebenso nach meiner Vermuthung die Entdeckung der Punta Flecha. Die Südküste Mindanao’s, sowie die Sarangani-Inseln entdeckten die Leute des Magallanes auf ihrer Fahrt nach den Molukken.
Das Cap S. Augustin, sowie die gesammte Ostküste Mindanao’s entdeckte der Führer der Loaysa-Expedition, Toribio Alonso de Salazar, 1526. Die Davao-Bai wurde erst 1578 durch Figueróa in ihrem gesammten Gebiete durchforscht.
Schwieriger ist, die Entdeckung der Sulu-Inseln Schritt für Schritt zu verfolgen. Die Sulu-Inseln wurden von den Spaniern Xoló (nach der neuen Orthographie: Joló) genannt und zu ihnen natürlich auch Basilan gerechnet, welches damals nach einem seiner Küstenorte Taguima genannt wurde. Magallanes segelte mitten durch den Archipel, Albo nennt hiebei Sulu: Soló oder Soolou, Basilan aber: Jaguima (offenbar hat Navarrete in letzterem Worte J für T gelesen), später wurde die Hauptinsel einige Mal von einzelnen Spaniern aus den Molukken aufgesucht, unter Saavedra (1529) hielt sich ein spanisches Schiff einige Zeit in Sulu auf. Basilans Nordküsten wurden noch unter Legazpi in der Zeit 1566–1571 von den Spaniern betreten, die südlichen Gestade erst 1578 von Figueróa genau untersucht, der dasselbe bei der Hauptinsel that. Figueróa sah zwar auch Tawitawi, betrat aber dessen Boden nicht, das geschah erst in den Zeiten Corcuera’s, als dessen tapfere Seehelden Almonte, Ugalde und Monforte den nach Tawitawi geflüchteten Sultan von Sulu zeitweilig belagerten.
So können wir aus dem Gesagten ersehen, dass, ungeschmälert die unsterblichen Verdienste des Magallanes, Don Juan de Salcedo es war, dem die Krone unter den Entdeckern und Conquistadoren der Philippinen gebührt. Das Innere der meisten Inseln ist noch heut’ zu Tage eine terra incognita, erst in der jüngsten Zeit begann man das Versäumte nachzuholen, und unter diesen wissenschaftlichen Conquistadoren begegnen wir auch deutschen Namen: Dr. F. Jagor, Dr. A. B. Meyer, Prof. C. Semper und Dr. Ritter von Drasche. Am wenigsten durchforscht sind Mindanao, Mindoro und Palawan, obwohl der tapfere spanische Marine-Officier und Kartograph Don Claudio Montero y Gay zur näheren Kenntniss der erstgenannten Insel sehr viel beigetragen hat.