Delphin-Verlag München

Umschlag-Zeichnung von Emil Preetorius

Die Veilchenverkäuferin
Phot. J. Löwy, Wien

Kränze windende Kinder
Phot. F. Bruckmann, München

Ferdinand Georg Waldmüller

Wo ist das alte Wien? Das Wien Schuberts und seiner Freunde, das Wien Raimunds und Stifters, das Wien Schwinds und Waldmüllers? Das alte, große, goldene Wien, das expreß vom Himmel gefallen schien, um eine Hochburg zu sein der Gemütlichkeit und Empfindungsinnigkeit, der Lebensfreude und jener schönen Treue zum Alten in Brauch und Sitte, die ein Beweis hoher völkischer Kultur ist?

Ach, es ist mit all seinen Holdseligkeiten unwiederbringlich dahin! Wie Kuriositäten stehen seine Überbleibsel, darunter die Fiaker am Graben, inmitten der Weltstadt, die ohne Physiognomie ist, deren „Wienertum“ sich aufgelöst hat in ein Chaos von Erscheinungen, die keine innere Beziehung zu einander haben, die keine Einheit werden konnten und wohl auch nie eine Einheit werden können. Das Völkergewirr Groß-Österreichs spiegelt sich im Bilde Wiens, und der Tag wird kommen, wo der letzte „ganz echte“, rassereine alte Wiener von dem schönen Höhenweg am Kahlenberg, zwischen Grinzing und Heiligenstadt, wehmütig hinübersinnt zu der Stadt, die nicht mehr die seinige ist...