Freunde Alt-Wiens flüchten von solchen unerfreulichen Aussichten hinweg in die Kulturmagazine vergangener Zeit. Sie eilen ins Kunsthistorische Hofmuseum, in die „Moderne Galerie“, ins Museum der Städtischen Sammlungen, und sie stehen dort mit besonderer Andacht still vor den Gemälden des teueren lebensfrohen Meisters unserer Großväter: Ferdinand Georg Waldmüller.

Dieser Waldmüller besitzt die Altwiener „Nuance“ in ihrer unzweideutigsten Erscheinung. Ist er doch selber ein echtes Wiener Kind, herausgewachsen aus jener bürgerlichen Mittelschicht der Bevölkerung, die die Lebenshaltung und den Charakter der Stadt zu ihrer Zeit bestimmte. Und ist er doch gerade zur rechten Zeit zur Welt gekommen, um die Umwandlung der Stadt aus der Kaiserresidenz in die gemütliche und dabei so elegante Bürgerstadt des Herrn und der Madame Biedermeier mitzuerleben.

Waldmüllers Vaterhaus stand in Wien am Tiefen Graben, es war das Gasthaus „Zur Weintraube“, dessen Bewirtschaftung Waldmüllers Vater betrieb. Der Geburtstag Ferdinand Georg Waldmüllers ist der 13. Januar 1793, ein bedeutungsvolles Datum, denn es verrät, daß Waldmüller die welterschütternden Umwälzungen der napoleonischen Zeit, die insonderheit Wien, das Volk und das Kaiserhaus Österreichs in Mitleidenschaft zogen, im aufnahmefähigsten Jünglingsalter miterleben mußte.

Waldmüllers Weg zur Kunst war kein ebener. Er mußte viele Hindernisse überwinden, bis er sich ganz und sorglos seiner holden Göttin weihen konnte. Er hat uns darüber und über die verlorenen Jahre seiner ersten Ehe in einem kurzen Lebensabriß, den er einer seiner Flugschriften mitgab, selbst berichtet; da diese Autobiographie im Folgenden zum Abdruck gelangt, braucht hier von seinem Werdegang nichts erzählt zu werden. Zudem steht die Geschichte seines Lebens in seinen Bildern geschrieben. In denen erleben wir den Aufstieg mit, und so bedarf es nur einiger Daten, die den wichtigsten Stationen von Waldmüllers Laufbahn gelten.

Kirchgang im Frühling

Bei Ischl