Badende Frauen

Aus den Praterauen

Im Jahre 1822 öffneten sich ihm die Pforten der Akademie-Ausstellung. Fünf Bilder von ihm standen aus und gefielen. 1826 reiste er zum erstenmal nach dem Süden. In Rom fesselten ihn die alten Italiener der Galerien: gewaltsam mußte er sich von ihnen losreißen – noch neunzehnmal kehrte er im Laufe seines Lebens zu ihnen zurück. Jedesmal waren sie ihm von neuem ein Jungbrunnen, ein Bad künstlerischer Erneuerung und Wiedergeburt. 1830 wurde er als Professor an die Wiener Akademie berufen, im gleichen Jahr besuchte er zum erstenmal Paris. In der Folge wurde er kaiserlicher akademischer Rat, Kustos der Lambergschen Galerie, und in dem Maße wie es diese Ehren auf ihn niederhagelte, gewannen seine Beziehungen an Bedeutung, hob sich seine gesellschaftliche Stellung. Er aber blieb der echte alte Wiener. Ein Wiener auch in der amoureusen Untermalung seines Charakters. Von den Frauen kam er nicht los. Davon spricht sein Werk. Ach Gott, welch zarte Holdchen hat er gemalt! Frühlingsgesichterl – noch ganz naiv, und doch lacht schon aus dem Augenwinkel, aus einem Fältchen des kokett geschürzten, süßen Mäulchens das Weib! Und wieder andere, voll Glut und Rasse, sinnbetörend, liebeheischend und liebeverheißend! Die rassigste von allen, Anna Bayer, Tochter eines Buchdruckers, ist seine zweite Gattin geworden. Als dies geschah, war Waldmüller kein junger Mann mehr. Es trug sich nach dem Sturmjahre 1848 zu. Er zählte 56 Jahre. Aber Selbstbildnisse bezeugen es, daß dieser Mann, vor dem das Leben nur noch als Spätsommernachmittag lag, noch ein lebenslustiger Kavalier gewesen sein muß, der selbst einer Anna Bayer gar wohl gefallen konnte... Waldmüllers Ruhm stieg. Zumal im Ausland; in London z. B. hatte er aufsehenerregende Erfolge. Er zeigte dort einmal einunddreißig Gemälde; alle einunddreißig wurden verkauft; keines kehrte in die Heimat zurück. Glücklicherweise, möchte man sagen, denn in Wien zahlte man für einen „Waldmüller“ Spottpreise. Das mochte seinen Grund nicht zuletzt darin haben, daß Waldmüller immer Geld brauchte und seine Bilder sozusagen um jeden Preis verkaufte. Denn auch darin ein echter Wiener, hatte er den Stich ins Großartige. Und ins Leichtsinnige und Verschwenderische. Einmal veranstaltete er eine Auktion, bei der etwa hundert Werke ausgeboten wurden. Einige davon erzielten Preise bis zu dreihundert Gulden. Aber für andere gab es tatsächlich nicht mehr als zehn Gulden. Und das fanden die lieben guten Wiener ganz in der Ordnung. Darin erblickten sie beileibe nichts, das ihren Meister kränken konnte. Das war nun einmal so. Man gab zehn Gulden für eine Studie und hing sie voll Stolz und Vergnügen an die Wand und rühmte sich des Besitzes. Ich glaube übrigens, auch Waldmüller selbst nahm das nicht tragisch. Er produzierte ja leicht, mehr als dreihundert durchgearbeitete Werke seiner Hand sind bekannt, und enorm ist die Zahl seiner Studien, Skizzen, Zeichnungen. Ärgerte er sich aber einmal recht aus Herzensgrund über seine Landsleute und sein Wien, so schrieb er eine gallige Epistel, oder reiste ein bißchen nach Sizilien. Und zurückgekehrt malte er ein desto schöneres Bild. Das ist es, was – trotz äußerer Hemmungen – Waldmüllers dauernden Aufstieg darstellt. Er ist einer der ganz Seltenen, deren Kunst im Alter nicht zurückgeht, sondern immer reifer, feiner, differenzierter wird. Im Jahre 1857 wurde Waldmüller mit halbem Gehalt (vierhundert Gulden!) pensioniert, weil er sich mit seinen Flugschriften wider die Auswüchse des akademischen Kunstunterrichts mißliebig gemacht hatte. In Briefen und Eingaben kämpfte er gegen diese Unbill, lange vergeblich und aussichtslos, so daß er sich zuletzt sogar darauf beschränkte, nur mehr um die ihm vorenthaltenen vierhundert Gulden zu ringen! Man schrieb schon 1864, als man Waldmüller endlich Gehör gab und ihn wieder in seine Rechte einsetzte: es war höchste Zeit, denn er hatte nicht mehr lange zu leben. Am 23. August 1665 starb er ganz unerwartet. Er stand an der Staffelei, auf der ein Gemälde mit dem bedeutungsvollen Titel „Wiedererstehung zu neuem Leben“ seiner Vollendung entgegenharrte. Da streckte ihn ein Schlaganfall nieder: wie eine blitzgetroffene Eiche brach er zusammen...

Was Waldmüller malte? Alles. Er gleicht darin Wilhelm Leibl, der einmal seiner Mutter schrieb, man müsse es in sich haben und ein bestimmtes Verhältnis zur Natur (womit er die Umwelt überhaupt meinte), dann sei es gleich, was man male: Landschaften, Figuren oder Stilleben, es müsse einem alles gelingen. So auch Waldmüller. In seinen Porträten ist bezaubernde Charakteristik. Wenn er seine Frau Anna malt, so spritzt Sinnenfreude aus jedem Pinselstrich. Wenn er die alte Frau Bayer ins Porträt setzt, so wird es die Verkörperung der tüchtigen Wiener Bürgersfrau. Das Porträt des Fürsten Rasumoffski ist ein psychologischer Essai über Adel und Diplomatie. Kaiser Franz I. wird unter seinem Pinsel zum Prototyp des Habsburgers. Adalbert Stifter aber ist – wirklich Adalbert Stifter. Und die Familienporträts des Persenbeuger Schiffmeisters Mathias Feldmüller, des „Donau-Admirals“, und der Seinigen, namentlich seiner schönen und bizarren Tochter Rosalia, zeigen uns Charaktere auf, die in einem Roman von Bartsch vorzügliche Figur machen müßten.

Familienbild
Phot. F. Bruckmann, A.-G., München

Der „Donau-Admiral“
Schiffmeister Feldmüller von Persenbeug
Phot. F. Bruckmann, A.-G., München

Wie er hier die Psyche allemal mit verblüffender Sicherheit packte, so hat er bei seinen Genrebildern, die indessen keine „Genrebilder“ im anekdotischen Sinn, keine gemalten Moralitäten sind, jedesmal die richtige Situation zu erfassen und zu bannen gewußt.