Das Höchste aber hat er als Landschafter, als Freilichtmaler geleistet. Wenn schon ein Vergleich mit einer ähnlichen künstlerischen Erscheinung sein muß, so möge man Waldmüller den „österreichischen Constable“ nennen. Wie Constable steht Waldmüller innerhalb seiner nationalen Schule als Landschafter an der Spitze einer Entwicklungsreihe. Wie Constable, jedoch unabhängig von ihm, predigt er das Evangelium der Luftmalerei. Das heißt: Landschaft und Hintergrund sind bei ihm nicht mehr Fläche und Gobelin, nicht mehr buntstaffierte Teppiche, sondern Selbstzweck; eine ganz merkwürdige Plastik ist in ihnen.

Gerne malte er den Frühling und den jungen Sommer. Das zarte, fast noch gelbliche Grün hatte es ihm angetan. Schüchtern belaubte Äste und Zweige heben sich wie Silhouetten von dem wahrhaft himmlisch blauen Himmel ab. Wie sind seine Praterlandschaften voll seliger Frühlingspracht! Man glaubt irgendwo eine Lerche tirillieren zu hören. Ein Übermaß brünstigen Naturgefühls ist über diese Landschaften ausgeschüttet. So kann diese Praterauen nur empfunden und gemalt haben, wer sie an einem Maitag mit einem blitzsauberen, lieben, braunäugigen Wienermädel am Arm durchwandert hat. Aber auch nachempfinden kann das dem teuerwerten Meister nur einer, der gleich ihm, im Prater einmal unter Palmen gewandelt. Eine rechtschaffene Frühlingsstaffage belebt seine Frühlingsbilder: Kinder oder junge Liebesleut! In aller Augen blitzt Heiterkeit, sie sind entfernt von Sorge und freuen sich am wärmenden Sonnenlicht. Das ist die frohe, junge Zeit, weiter hinauszuschweifen in die Umgebung Wiens, in den Wienerwald und zum Kahlenberg, dorthin, wo aus dem smaragdenen Moos die ersten Veilchen brechen und Schneeglöckchen sprießen, mit lautem Jubel begrüßt von den jugendlichen Pflückerinnen. Und wo – nun es schon völlig Frühling geworden – die Maiglöckchen ihren rassigen Blütenduft verströmen. Wie ein frisches Naturparfüm aus Frühlingsblumen weht einem die Stimmung entgegen aus Waldmüllers Frühlingsbildern, die in seinem reichen Werk die schönsten sind. Diese Frühlingsstimmung wird zuweilen auch lebendig auf seinen Figurenbildern, z. B. wenn er das prachtvoll gruppierte Familienbild des Herrn von Eltz malt und dabei die ganze Schar der ihm lieben Menschen in die ihm kaum minder liebe Salzkammergut-Landschaft stellt. Wie vertraut sind ihm diese Herrlichkeiten: St. Wolfgang mit seinen malerischen Straßen und Winkeln, von dem ferngrüßenden Schafberg überragt, Ischl und sein See und die Hütteneckalm, zu der wie ein Schwarm bunter Schmetterlinge eine Schar draller und ranker Mädel emporgestiegen ist, um in seliger Rast hinabzusehen auf das weite Frühlingsland. Der majestätische Dachstein, der Leopoldsberg und Klosterneuburg und all die Herrlichkeiten, die sie zur guten Frühlingszeit darbieten, mitsamt den Menschen, lustigen, bunten Weiblein zumal, das alles ruhte – wie Goethe seinen Werther sagen läßt – „in seiner Seele wie die Gestalt einer Geliebten.“ Werther! – das ists: unwillkürlich greift man, da man den Zusammenklang verwandter Naturen mit „innerem Ohr“ vernahm, zu Goethes brünstigem Bekenntnisbuch, schlägt auf und liest dies: „Eine wunderbare Heiterkeit hat meine ganze Seele eingenommen, gleich den süßen Frühlingsmorgen, die ich mit ganzem Herzen genieße. Ich bin allein und freue mich meines Lebens in dieser Gegend, die für solche Seelen geschaffen ist, wie die meine....“ und was weiter geschrieben steht, heißen Naturgefühls voll, unter dem fingierten Tagebucheintrag vom 10. Mai. Aus der gleichen Liebe heraus, aus der Werther tatenlos phantasiert, schafft Waldmüller. Die Liebe, weitausgreifend, allumschlingend, ist in beiden. Bei Waldmüller die höchste Spezies dieser Liebe: die wirkende, über sich selber hinauswachsende, in Werken sich bekundende. Das ist die Bedeutung von Waldmüllers Werk: weil es aus einer heißen Liebe heraus entstanden ist, darum ist es heute noch fähig, heiße Liebe zu erwecken.

Georg Jacob Wolf.

Rast im Walde
Phot. J. Löwy, Wien

Jugendliches Selbstbildnis Waldmüllers

Aus Waldmüllers Schriften und Briefen