Angst. Nur einer der nicht in dieser Stille war (und der von allem viel später erfuhr) dachte leise an ein bißchen Angst. Drei Tage lang ging Friedrich Hebbel in den grünen Gängen umher. Er erlebte seine letzte Stunde — Stunden gläserner Reinheit. Drei Tage lang weilten Hebbel und Esther in diesem Haus, ohne um einander zu wissen. Zur Seite des steinernen Ganges lag ein Gartenzimmer: das eigentliche Zimmer der letzten Stunde. Obgleich es offen stand, hat Hebbel selbst, aus Bescheidenheit und Würde, es nie betreten. Esther dagegen scheint in diesem Zimmer gewesen zu sein: von einer Frau verspürte es weniger Dérangement. Die Früchte die im Zimmer waren hat auch Esther nicht berührt.

Dann verließen beide das Haus, in dem sie neben einander gebetet hatten. Die Umstände wie sie später zusammentrafen sind fraglich geblieben. Sicher ist nur das eine: daß die fremde Dame, die in rotgeblümtem Kleide erschien, mit Frau Christine Hebbel auf eine passende Art bekannt gemacht wurde. Die Fremde sah sich mit all dem Ernst aufgenommen den diese Sachlage erforderte . . . Hebbel, sobald er nach Hause zurückgekehrt war, suchte die Sätze über seine letzte Stunde in den Papieren: sie fanden sich schließlich auf seiner Netzhaut. Dort glaubte er sie sicher —: allzu sicher. Denn als man sie nach seinem Tode entdeckte, waren sie schon verwischt und wiesen die Unklarheiten auf mit denen sie im letzten Bande der Tagebücher wiedergegeben sind. Übrigens stand Hebbels eigenes Erlebnis auf seiner linken Netzhaut und das Esthers auf der rechten. Er selbst soll noch geäußert haben, dies sei ein Beweis für die unbeteiligte Seherkraft des Dichters. Das ganze Vorkommnis erschien ihm wie eine Illustration des: „media vita in morte sumus“. Friedrich Hebbel starb (viele Jahre nach seiner

letzten Stunde) mit einem Fluche auf den Lippen — einem Fluche gegen jene die in der Gartenhausaffäre irgendwie Leid, Pathetik oder aufdringliche Stilistik finden würden.“

Der Examinator mußte diese Antwort in vollem Umfange gelten lassen. Und längst sitzt der Zögling auf einem Lehrstuhl für visionäre Literaturgeschichte.

Münchner Notizen

I: Absage an ein Café

In München zu leben, erscheint mir verächtlicher, als die meisten anderen Todesarten. Es ist der Selbstmord, ohne die Ehrlichkeit des Giftes. Diese Damen und Herren möchten sich dem Amerikanismus versagen und erreichen nicht einmal zum Kloster das asketische Pathos. Nun bilden sie, im Café, ein andächtiges Publikum der eigenen Verwesung; halten lockende Siesta bei offenen Sargdeckeln; und die Ratlosigkeit von Geheimnissen, die keine sind, formt, auf zerfallenden Gesichtern, ein blasses, wissendes, gequältes Grinsen. In die gute Aufrichtigkeit der Angelus-Stunde plärren Castraten ihr Coffeïn-Lallen. Wie anmaßend sie sind, und wie unkeusch — die Knaben! In der Ecke aber zersetzt sich eine Portion käsiger Quallen: die hungrigen Detektivs der Seelen-Zerlegung, sehr avanciert. Die glotzen auf die heiße Kalkwand, jenseits der Straße, und erträumen den Mäcen, der sich von ihnen, in Monte Carlo, verführen lassen wird. O: liebe, liebe Münchner Nuance der psychologischen Hochstapelei; bibliophile Rastas; süße, schmierige Insassen der ewig selben Polsterungen; virtuelle Helden ihr; wichtige, notwendige, registrierte, acclamierte Dämonen —: möge ein Ekel, den ihr erregt und nicht mehr empfindet, euch dennoch zerfressen. (Hymne der Abschüttelung.)

II: Glück der Betrachtung

Meine Abende, meine Nächte gehören jetzt dem Bar royal. Wenn, in ernsthaften Perlen, das Eiswasser auf den Pernod tickt, so denke ich Dein, Geliebte. In Deinen Haaren ist ja die Sonne und das Kornfeld und der Schwefel, die gelbe Tulpe und der Kiesstrand des Meeres, Gold mancher Arten und der späte, nordische Sandweg zwischen Birken, aber auch viel kupfernes Grün, oft fahle Asche und gilbendes Schilf. Doch Du bist mir fern, und ich sammle Dinge, von denen ich Dir erzählen werde. Ich sehe Frauen, schlanke, entravierte Säulen; ihre Gesichter glimmen pudersanft im Schatten großer und herrlicher Hüte. Die Töne dieser locker fallenden Federn sind aufeinander eingestimmt. Pleureusen: sind sie nicht wie das bleich zerfließende Weidenlaub auf dem Grabe des armen enfant du siècle, des Herrn von Musset? Oder gleichwie kokette Sternschnuppen sich über den Nachthimmel wiegen, so wallen sie auf im frechen Triumph der Sünde: stolz erhobene Siegeszeichen von Schlachten, die in der Tiefe gewonnen worden sind.

Und ich sehe die Wandlung einer prallen Heroine zur Buhlerin. Sicherlich ist sie Gattin des kahlen, straffen Pensionierten, der berechtigt ihre Augen durchsucht. Aber je mehr Wein er sie trinken läßt, desto unwiderstehlicher fühlt sie die holde Schmach, von einem häßlichen Manne bezahlt zu sein. Rasch gelangt sie zu den Zärtlichkeiten der unregelmäßigen Frauen. Ach, Madame, Sie sind nur liebenswürdig, weil Sie, hier im Bar, Ihre Erfindungen veröffentlichen können! . . . Doch wie kühl der Pensionierte ihre schmeichlerische Hingabe quittiert. Ich ertrüge es nicht, den Schein geliebt zu werden so leichten Kaufes zu genehmigen; nicht auf dem Divan, nicht am Schreibtisch könnte ich Erfolge Genüsse Lobsprüche