acceptieren, um die ich nicht lange Jahre gedient hätte, zu denen die Wege nicht verschlungen und voller Angst gewesen wären. Und noch das Glück, mein Glück dürfte nur sein wie eine Minute Rast im Versteck, auf der Flucht vor den hartnäckigsten, boshaftesten Verfolgern —: eine Minute irren Vergessens, eine Minute Spleen:

Der Fülle des Gegebenen

Entwächst das Schmale, Zarte;

Die Betten sind die Ebenen

Für Smarte und Aparte . . .

— — —

Draußen herrscht, mit hieratischen Geberden, die Nacht. Doch ihr Reich ist gefährdet, und bald wird das Licht hereinbrechen — das Licht mit seinen überflüssigen Vermutungen und Feststellungen, mit seinen Einzelheiten und Indiskretionen. Noch schimmern die Façaden zurückhaltender Paläste im Gespenster-Grün des Canaletto; noch lauern, mystische Radierungen, die florentinischen Kulissen der L . . . straße in brüsk begrenzten Schatten, durch welche Verschwörer schleichen müßten, Satanskinder und lungenkranke Ekstatiker. Sehr korrekt schreitet die Dachfirste entlang eine Prozession mondsüchtiger Sonnen: die violetten Lichtballen der Bogenlampen. Sie leuchten nicht, doch sie lassen grell eine Finsternis erkennen, die moorig ist, asphaltiert und imaginär . . . Da dämmert der Tag: der Feind. Im Priesterseminar ein Seitenfenster wirft gelbes Studierlicht ins Gebüsch. O, die Triumphe wie die Idyllen des Katholizismus enthält diese Avenue. Die Brunnen schweigen; Geranien blühen die Rasenbeete entlang: eine unversöhnliche Spur frisch verströmten Blutes. Plötzlich erlöschen alle Bogenlampen. In sachlicher Landschaft finde ich mich wieder. Pappeln und Gärten. Die Erde giebt einen

putriden Hauch her: den leisesten Vorduft des Herbstes. Das beglückt mich tief. Den ganzen Horizont hat nun Botticelli mit seiner lichtlosen Helligkeit bemalt. Aber von wo ich komme, schläft noch im Dunkeln die Stadt, überstülpt von der Theatiner-Kuppel, und seit Jahrhunderten bewacht von der erhabenen Nachtarbeit fiebernder Hirne.

Das moralische Variété

In Marseille, dieser gefährlichen Stadt, die fast schon Afrika ist, und auf deren Straßen die Hautfarbe tunesischer und algerischer Frauen das Repertoire europäischer Sinnlichkeit um eine wilde Irritation bereichert, in dieser Stadt, zerwühlt von Sonnenglut, Verbrechen, Vergangenheit, gehörten meine Abende dem café-concert, dem Variété. Man geht spät hin, die Vorstellung wird lange dauern, über Mittemacht hinaus. Der weite, staubige, sachliche Saal des ‚Palais de Cristal‘, an der Allée de Meilhan, ward rasch meine Heimat. Denn dieses Publikum kannte ich aus gelben Bänden des Herrn Guy de Maupassant und andrer, um die Wirklichkeit besorgter Autoren —: Reedersöhne, den steifen Hut im Nacken, abgehärtet durch Meerfahrten und von erfahrenen Frauenhänden wieder verweichlicht; Bürgerfamilien, aufmerksam und mürrisch; junge Arbeiterinnen, ohne Hut, schwarze Schlangenhaare zerweht im Gesicht und das saugende Kind an der Brust; achtzehnjährige Proletarier, die Fingerspitzen gelb vom Cigarettenrollen, eigensinnig und schon verwöhnt durch äußerste Bereitwilligkeiten parfümierter Damen, zerknitterte Sherlock-Holmes-Hefte in der Tasche und reifende Apachen-Ideale im Herzen; Kokotten, steil und bunt und eng in ihre Röcke gepreßt, mit den Ledertaschen schlenkernd, lässig und frech und beabsichtigt,