OSTAP: Sie rüttelt und ruft.

MANON: „Ach, Fräulein Füllfeder, ich bin so müde!“

OSTAP: „Machen Sie auf, Maninka; ich muß mit Ihnen plaudern!“ Zärtlich . . ., vielleicht argwöhnisch. Ich wäre schon auf dem Balkon. Keine Spuren zurück? . . . Hut hatte ich nicht. Im Regen höre ich eure Plauderei, bewundere die Sicherheit deines Spiels. Aber vom Balkon ist kein Ausgang, das Skelett im Nebenzimmer würde schön quietschen, wenn ich durchzugehen versuchte. Wie lange pflegt der Tituskopf Gute Nacht zu sagen?

MANON: So zwei Stunden.

OSTAP: Natürlich würde ich mehr für dich tun, als zwei Stunden im Regen stehen . . ., (zögernd) alles. Aber wie interessant ist es, daß wir von Gefahren umgeben sind . . . und nichts tun werden, um sie zu rechtfertigen, selbstverständlich.

MANON (enttäuscht und befreit): Selbstverständlich. (Sie schaltet die Leselampe wieder ein. Kuß, beeinträchtigt dadurch, daß die beiden mit den Nasen aneinanderstoßen. — Schweigen.)

OSTAP (denkt: Sie hat recht, ich hatte die Miene sehr traurig alle diese Zeit, ich ging in Qual, weil ich dieses Mädchen lieben mußte, diese Achtzehnjährige: die ihre Leidenschaften häufiger wechselt als ihren Stuhl, die von drei Rasereien gleichzeitig befallen wird, und die Erledigtes vergißt, wie das Kopfweh vom vorigen Tage. Ich liebe dieses mehr gefährliche als gefährdete Kind, das, in den Intervallen seines Glücks, die beste Kameradin von der Welt ist. Was aber ist es mit dieser Szene? Die Pflicht, von ihr zu erfahren: „Ich liebe dich“, trieb mich in dieses Zimmer,

Mitternacht ¾. Genoß ich wirklich eine Sekunde lang Genugtuung, als sie mir’s gesagt hatte? Ich erinnere mich nicht daran. Denn es sind neue, quälendere Pflichten gefolgt. Zunächst: dieses Beisammensein sehr herrlich zu finden. Und, das schlimmste: dieses Kind zu unterhalten. Sie hat meine Liebe erwidert. Was biete ich ihr schnell als Gegenleistung? Sie hat ein Recht, alles zu erwarten, und sicherlich langweilt sie sich schon fürchterlich. Von der Gefahr, in der wir stecken, ist schon genugsam die Rede gewesen. Nur die Rede: nicht die Tat. Immerhin ist diese Lage sozusagen kinematographisch reizvoll. Wenn wir überrascht würden! Das ganze Haus betet sie ja an, achtet einzig auf sie. Noch ihr Schlaf ist belauert, beneidet, mit Eifersucht umstellt, und alle wollen Einfluß auf ihre Träume haben. Sie braucht Abenteuer, weil sie Rasse hat. Und sie verläßt sich darauf, daß ihre Klugheit, nachträglich herbeigerufen, einen Skandal immer wieder verhüte. So bietet sie mir diese explosiven Umstände, legt sich selbst diese Gefährdung auf, in der Berechnung, der Reiz werde es lohnen, ein gewürztes Behagen alle hübsche Angst übertäuben. Was kann ich ihr sagen, das ihren Erwartungen gleichkomme? Gibt es denn in allen Bänden des Konversationslexikons kein einziges Thema, das uns für eine Minute zusammenhielte? . . . Ich werde von dem kleinen Leo Ukraïner anfangen müssen, der freilich noch nicht im Konversationslexikon steht, . . . und mich damit erledigen.)

MANON (denkt: J’aurais bien envie de l’embrasser un peu plus follement, mais j’ose pas, ce type est trop difficile.)

OSTAP: Liebst du den kleinen Leo Ukraïner?