Eine bewegte Nacht.
Der alte Lügenfürst mit seinen hundert Namen von Luzifer bis auf Mefisto, ein Paar gläubige Jahrhunderte hindurch so zu sagen ins Privatleben zurückgedrängt, hat sich wieder der großen Weltbegebenheiten bemächtigt und treibt Politik und Regierungsgeschäfte. — Er ist zu sehr in Anspruch genommen durch die Gesammtlage Europa’s, zu entzückt über die loyale Ergebenheit eines Herrschers, welcher ihm die gloire einer großen Nazion als Rauchopfer darbringt auf dem Scheiterhaufen, den er aus den übrigen aufgebaut, — über die allgemeine Erbärmlichkeit, das allseitige Hinhalten der rechten Wange, nachdem man keinen Schlag auf die linke bekommen, als daß er sich mit Kleinem befassen könnte.
In seinen schlechten Zeiten, — als ihn Luthers Tintenfaß und römische Bullen in die Enge trieben, — als er von gott- und ehrliebenden Fürsten aus den Palästen, von frommen Bürgern und Bauern aus den Häusern und Hütten geworfen wurde, irrte er, des Einflusses auf den Gang der Ereignisse beraubt, wie ein Vertriebener Legitimist umher, — von der Rolle eines Staatsanwalts zu der eines Winkelschreibers herabgesunken, und befaßte sich mit Privatgeschäften der Individuen.
Dem Herabgekommenen mochte ein vom Thurm gestürzter Anton Pilgram Violinlekzionen bei Tartini, — ein blutunterzeichneter Kontrakt mit Faust — bei welchem er zuletzt noch betrogen war, — die Zeit vertreiben. Jetzt aber ist das Verderben einzelner Seelen, das Zerstören einzelnen Glückes für ihn überwundener Standpunkt.
Doch mag es Stunden geben, wo er, die Diplomatie mit Beruhigung sich selbst überlassend, heruntersteigt vom europäischen Thron und zur Erholung wie Harun al Raschid umherwandelt, im Inkognito, umschauend nach irgend einem herzlabenden Jammer.
Und so konnte er denn eine wahrhaft teufelsselige Stunde verleben, wenn er, im Mondschatten an die Wand gelehnt, hinaufgesehen nach dem Balkon in der Contrada grande, — gesehen was Alles aus dem sanften Mondlicht werden kann, wenn es nur zur rechten Minute zwei heitere Gesichter und blonde Haare beleuchtet! — — wie ein Moment kühles Silber in glühenden Stahl verwandelt!
— — Tief und heiß traf der Stich in die ahnungslose Brust. Nicht das dünnste Schild eines Zweifels, einer Besorgniß, hatte Julie vorbereitend beschützt.
Wohl hatte sie Arnold nicht ein „Steinchen zum Bau des Feenschlosses einer Gegenliebe“ gereicht, — aber dafür ihr eigenes aufgebaut. — Vielleicht höher und fester als das seine.
Eine einzige laue Sommernacht erschließt die Aloënblüthe. — Ein Herz wie Julien’s kannte keine Uebergänge vom Dunkel durch Dämmerschein und Morgengrau zum hellen Sonnentag. „Was ist denn — hatte sie zu Sembrick gesagt — was ist denn an mir, was nicht Eingebung des Momentes wäre? — eine Stunde lang hab’ ich Arnold gesehen — fühlen Sie denn nicht, daß ich diesen Augen vertrauen mußte?“ — Nur von Sembrick hätte es abgehangen, ausgesprochen zu hören, was er von dem Augenblick an wußte, wo er den Brief durch Arnold empfangen.