Wenn man versucht werden könnte, da zu vergleichen, wo der Vergleich nur auf Gegensätze trifft, so läge der schreiendste zwischen ihr und Klotilde darin, daß an dieser Alles berechnet und besonnen war, — an Julie Alles unberechnet, — und unbesonnen in dem Sinne, wie die Aloë, der wir sie verglichen, sich nicht besinnt, aufzubrechen, wenn ihre Stunde gekommen. —
Sie war gekommen: ihr erster Schlag hatte durch den Goldnebel geklungen, mit ihrem letzten hatte ihre Hand in seiner geruht, — und als Arnold mit seinem Klarheit suchenden Wesen im Fremdenflügel am Fenster stand und sich Fragen stellte, hatte Julie an keine Fragen an ihr Herz gedacht es war nur Eine Antwort, — ein lautes, freudiges Ja!
Wie in den klangreichen, leichtbewegten Saiten ihres Herzens der Laut der Liebe, den so Viele zu erwecken sich mühten, schlummern konnte, bis ihr Engel sie Arnold entgegenführte, mag eines jener Räthsel sein, deren Lösung sich der Meister, der das Saitenspiel der Menschenbrust geschaffen, — vorbehalten hat.
Jeder Huldigung hatten sie entgegengeklungen: mit ernsten Akkorden dem ernsten Wort, womit ein tiefes Gefühl sich gegen sie aussprach, — mit fröhlichen, leichten Melodien dem alltäglichen Liebesgetändel, — aber nur jener Eine Ton war nie erwacht, den Jeder zu hören sich sehnte.
Sie lauschte mit stockendem Athem der Erzählung des Reisenden, der die Urwälder Südamerika’s durchdrungen und in ihrem Boudoir den Teppich aus dem Fell des erlegten Tigers ausbreitete; — dem Gemälde der Schlacht, in welcher ein Medaillon das Herz eines Tapferen vor der Kugel beschützte, der für den Talisman um eine Stelle auf ihrer Etagere bat; — der Elegie des Künstlers, der entzückt war, mit ihrem Namen das Werk zu schmücken, zu dem sie ihn begeistert: der Teppich, — das Medaillon, — das Tonstück bewegten ihre Fantasie, beherrschten Stunden und Tage lang ihre Gedanken, aber das Herz blieb ruhig bei allen, oft großen und gewaltigen Eindrücken und Erscheinungen.
— — Und nachdem all die gefeierten Namen geklungen und Orden geglänzt und Lorbeern gegrünt — kam er im Schiffchen heran, in der grauen Jacke, im grünen Hut — und der Harfe in ihrer Brust entflog, von der rechten Hand berührt, der himmlische Dreiklang: ich liebe dich!
Der nervöse Wechsel von Fröhlichkeit und Verzweiflung wich einem stillen Glücke, das ruhigem Schmerz die Hand reichte, die ihre innere Welt beherrschend in einander übergingen wie Nacht und Tag, nicht einander zischend bekämpften wie Wasser und Flamme.
Einem furchtbaren, großen, tragischen Geschicke gegenüberstehend, wo die Welt nur eine unglückliche Ehe sah, — einem Verhängnisse, das sie fast willenlos in die Hände eines Gehaßten gab, aus dessen Gewalt keines jener Mittel sie befreien konnte, welche göttliche und menschliche Gesetze Andern zur Lösung unseliger Bande darbieten, — hatte die Hoffnung in ihrem Herzen die Gestalt eines fantastischen Wunderglaubens angenommen.
Edmund von Sembrick war die erste Erscheinung, welche diesem Glauben eine bestimmte Richtung gab.
Der Moment wo sie ihn kennen lernte, in einer rettenden kühnen That, — seine Erscheinung, die so gewaltig abstach gegen die konvenzionellen Gestalten, welche sie bisher umringten, — die unwillkürliche Mahnung an den Gedanken der Erlösung, die in seinen Zügen lag, — das wilde Feuer der Energie, das manchmal in seinen Augen aufloderte, der Funke des Geistes, der nie in ihnen erlosch: Alles hatte sich vereinigt, um den Blick der Alleinstehenden, Hülfesuchenden auf ihn zu lenken. — Der Schnee, der den Vulkan deckte, war ihr nur ein Zeichen seiner Höhe, die Kälte, ja Härte, welche nur selten einem weichen Momente wich, ein Beweis einer Kraft, die da einen Ausweg öffnen konnte, wo sie keinen sah.