Sie war entschlossen, ihm Alles zu vertrauen. Da gewahrte sie das plötzliche Schmelzen des Schnee’s. Wie die Minerva in voller Größe gewaffnet aus Jupiter’s Haupte sprang, stand seine Liebe in ihrer ganzen Glut und Kraft vor ihr.

Aber nicht schneller hatte das Auge des Weibes sie erkannt, als — Kollmann. Dieser, der über Sembrick’s Karakter im Reinen zu sein glaubte, und ihn an Julie gefesselt sah, weihte ihn selbst in Alles ein. — Edmund trat mit dem Bekenntniß seiner Liebe, und zugleich in voller Kenntniß dessen vor sie hin, was sie ihm mittheilen wollte, — aber auch mit dem Eingeständnisse, daß es gegen Kollmann’s Waffen ein einziges Mittel gebe, dessen Ausführung, gewaltsam und abenteuerlich, von der Zeit und der Ueberwindung von tausend materiellen Hindernissen abhänge.

Die vorhergegangene Unterredung der beiden Männer hatte damit geendigt, daß Sembrick die Ueberzeugung von der tiefen Schlechtigkeit Kollmann’s mitnahm, welcher dieß wohl wußte, aber sich kalt und ruhig freute, ihn durch die Mitwissenschaft an sich gebunden zu sehen, wenigstens so lange ihm Julien’s Glück theuer war, das hieß, für immer, wenn auch seine Liebe oder Leidenschaft nicht ewig währen sollte. Der Erwiederung derselben von Julien’s Seite hätte er ruhig zugesehen.

Es kam aber anders.

Sembrick hatte nicht als der Erlöser gesprochen, den sie gedacht. — Er wollte sie durch eine Hölle tragen, ein Leben und Freiheit gefährdendes Unternehmen für sie ausführen, — — aber am rettenden Ufer angelangt, war ihr Herz das Ziel, auf welches er hinblickte.

Sie sprach offen und wahr mit ihm, entschlossen, ihm keine Täuschung und keine Hoffnung zu lassen. Er gab sie nicht auf, eben so wenig als den Vorsatz, ganz so für sie zu handeln, wie er mit der Gewißheit des schönsten Lohnes gethan hätte.

Julie hatte den jugendlichen oder besser kindischen Traum einer „Freundschaft“ gehegt, — diese gerade darum für möglich gehalten, weil der ganze Kreis, der sie umgab, des Gedankens einer Freundschaft zwischen einem Manne und einer reizenden Frau nur mit höhnischem Lachen oder Lächeln erwähnte. Was diese für unmöglich hielten, sollte sich in Edmund verwirklichen.

Nun war der „Wunderglaube“ erschüttert, — der Befreier des Landes streckte zugleich die Hand nach der Krone desselben aus: ihr Herz hatte geschwiegen.

Hätte dieses gesprochen, — sie würde ihn wenigstens gefragt haben, welchen Gefahren er entgegengehe. Wie bange schlug es, als er sagte: Wenn Sie Korbach Alles mittheilen, so ist er gebunden wie ich, geräth in den Kampf zweier Pflichten! — Da erst mochte sie fühlen, daß sie vom Freunde nimmermehr erwarten solle, am wenigsten verlangen dürfe, daß er Etwas für sie unternehme, woran sie den, den sie liebte, nicht einmal durch Mitwissen betheiligt sehen wollte. Ohne irgend einen Begriff von Sembrick’s Plane, nur seiner hingeworfenen Worte gedenkend: „Noch Eine treue, verläßliche Hand!“ hatte sie Arnold gesendet. Nach dem Gespräche mit dem Baron war sie entschlossen, Jenem zu schreiben, ihn nach dem Freinhof zu bitten, ihre Fragen, Alles zu widerrufen, kurz um jeden Preis, auf die Gefahr hin, unbesonnen vor ihm zu erscheinen, ihn von jedem weitern Schritte und einer Annäherung an Sembrick abzuhalten.

Dieselbe Bitte, Nichts für sie zu thun, und sie der Vorsehung allein zu überlassen, wollte sie auch an Edmund richten. Von dem Freunde in ihrem Sinne konnte sie ein Opfer annehmen, sie fühlte aber nach seinem Weggehen, daß er im Herzen fordere, und sie hatte nichts zu bieten.