Während sie seine versprochene Rückkehr von der Reise nach dem Orte, wo das ganze Geheimniß ihres Lebens ruht, erwartete, führte Kollmann sie plötzlich vom Freinhofe fort: Sembrick traf diesen bereits verlassen.

Wohl war der „Wunderglaube“ mit Arnold einen Augenblick erwacht: Edmund gegenüber erschien er ihr wie der königliche Hirtenjüngling mit der Schleuder, der den Goliath schlug, welchem die gerüsteten Krieger erlagen. Allein der Gedanke, ihn, statt mit den Blumengewinden ihrer Liebe, mit den Dornen ihres Geschickes zu umflechten, war ihr unerträglich geworden. Keine Frage, wohin die Wellen tragen, sollte das Entzücken der Gegenwart trüben.

Sie streckte die schöne Hand nicht aus nach dem Schleier der Zukunft! Der Gedanke, wohin soll es führen, fand nicht Raum neben dem Schatze von süßen Empfindungen, zu denen es geführt. Bei Julie war nur Eines gewiß, wohin es nicht führen konnte: nie zu einem Treubruch gegen sich selbst! Wenn wir die kühne Behauptung aufstellen, daß der Paradiesvogel dieser Liebe über die Mauern der Pflicht gegen Kollmann wegfliegen durfte, so wagen wir sie auf den Umstand hin, daß auch wir einen Schleier zu lüften haben, aber nicht der Zukunft, sondern der Vergangenheit.

So unausgleichbar, anscheinend, der Widerspruch, — sagen wir, daß Julie trotz der Bande, die sie an Kollmann fesseln, wenn sie von Arnold’s Arm umschlungen in den Seespiegel blicken würde, ihr Bild so rein herauflächeln sähe, als das Edelweiß, womit er ihre Brust schmückt... Es war dieß ihr Traum gewesen, als sie am Morgen nach seiner Ankunft entschlummerte. —

Er trat auch jetzt vor ihre Seele, als sie, die Contrada grande hinab, nach der weißglänzenden Meeresfläche blickte. Die erfrischende Nachtluft kühlte wohlthätig die heiße Stirn. Sie strich die Locken zurück, ließ sie spielend durch die Hand gleiten und freute sich der Erinnerung, wie er dieselben betrachtet, wie in den ruhigen Augen ein heller Funke aufgezuckt bei ihrer Berührung. — — Hatte sie doch einmal ein Buch zur Seite geworfen bei der Stelle, wo die Liebende spricht: Wie arm fühl’ ich mich gegen dich! „So bleibe arm, du enges Herz —! hatte sie ausgerufen — wenn du liebend dich nicht reich genug fühlst, um deiner Dürftigkeit zu vergessen!“ — — Sie fühlte sich reich, dreifach wiederzugeben, was sie an Seligkeit empfing; freute sich jedes ihrer Reize als einer Gottesgabe für den Geliebten.

Sie drückte die Hände auf die Augen: so reizend das Nachtbild, — ein wonnevolleres stand vor ihrem Sinne. — Still lächelnd schaute sie es an, — jeder Athemzug ein Gebet um Wiedersehen! jeder Gedanke ein Kuß!

Und als sie die Hände wieder von den Augen nahm — — wo war da der Schutzgeist ihres Friedens, daß er sie nicht mit seinem Fittig bedeckte!?

— — Gegenüber lachte der Satan im Mondschatten. Das Wiedersehen war erreicht: die mise en scène war ihm gelungen.

Die nächste Minute hat Klotilde bereits erzählt: — „die Dame, die Ihnen und mir einen Augenblick ins Gesicht sah, und dann zurücktrat“ — — sie wankte durch den Salon, am Spiegel vorüber, der ihre Reize zurückwarf, für welche sie dem Schöpfer um des Geliebten willen gedankt hatte, — zusammengebrochen, halb bewußtlos. Wie nahe auch die Möglichkeit lag, den Giftpfeil in ein unschädliches Spielzeug des Zufalls zu verwandeln: sie hatte nicht die Kraft eine Lösung zu suchen.