„In der nächtlichen Heerschau über meine Todten werde ich sie am Besten finden! — Lassen Sie mich wach den Morgen begrüßen, an dem es über den Rubikon geht. Ich kann mir einigermaßen die Stimmung denken, in welcher der rebellische Militärgouverneur von Gallien seinen Gaul ins Wasser trieb, um gegen die Freiheit zu kämpfen, welche damals auf Seite der Regierung stand. Er hat die Nacht vorher vermuthlich auch nicht geschlafen!“
— Wangerode verließ das Verdeck und Richard blieb allein mit den Gedanken, die er seine nächtliche Heerschau genannt.
Vor ihm stand das Bild seiner schönen Mutter, wie sie ihm und seiner Schwester erzählte von den Tagen ihrer Kindheit, die sie in den Bergen der Heimat Ossians verlebt... die Gestalt des Vaters, der sie nach dem Lande unserer Geschichte geführt... die Stunde, wo die Sturmglocke ertönt, Feuerschein durch das Fenster gedrungen war, und der Vater, mit einer dreifarbigen Schärpe umgürtet, vom Federhut bedeckt, sich aus den Armen der Kinder gerissen. — Wie sie ihn dann ins Haus getragen, mit der Todeswunde in der Brust, wie er den Knaben gesegnet und mit brechendem Auge gesprochen: Ich bitte Gott, daß er dir das Glück schenke, für die Freiheit zu leben und zu sterben wie ich! —
Nach wenigen Wochen war ihm die Mutter gefolgt. Ihr Vermächtniß war ein Blatt an den Lord. — Er hatte sie geliebt, — nie vergessen, als sie Forster nach Deutschland folgte, — und was er im Augenblicke der Trennung gelobt, ihr Freund zu bleiben für immer, — das hielt er über das Grab hinaus mit einer Treue, als erfüllte ihn statt der Erinnerung an eine unerwiderte Liebe, jene einer glücklichen.
Er ließ die Kinder nach England kommen, wo sie unter seinen Augen erzogen wurden. Allein der Wunsch des Beschützers, Richard daselbst einen bestimmten Beruf ergreifen zu sehen, ging nicht in Erfüllung. Mit einer Anzahl von Talenten ausgestattet, deren jedes hingereicht hätte, ihm eine feste Stellung zu sichern, rastlos an seiner Bildung arbeitend, beharrte der Jüngling auf dem Entschlusse, im Geiste der letzten Worte seines Vaters in dem Lande zu wirken, wo derselbe den Tod gefunden. Er betrachtete England als seine Schule, und sammelte einen Schatz von Erfahrungen, welche in der Glut seines jungen Herzens zur Rüstung für den Feldzug geschmiedet wurden, welcher seine Existenz ausfüllen sollte. — Im Hause des Lords mit der Elite der Gesellschaft, in den Tavernen der Emigranten mit dem entgegengesetzten Pole derselben in Berührung, nahm er weder von den Vorurtheilen des einen noch von der Rohheit des andern Elementes Etwas in sein Inneres auf, ob ihm gleich die Formen Beider geläufig waren. — Der Logik Wangerode’s und der andern Comitéhäupter blieb er unzugänglich, und erkannte nur zwei Mittel als der Sache der Freiheit würdig: Ueberzeugung durch Ueberredung, — und offenen Kampf.
Als ihm auch die blühende Schwester durch ein Ereigniß, das wir später vernehmen, entrissen wurde, trat er, von ihrer Leiche kommend, vor den Lord und sagte ihm den Entschluß nach dem Kontinent zu gehen. — Sein Beschützer hatte, da er den Vorsatz nicht zu erschüttern vermochte, Richard zu dem, was er seine Sendung nannte, und was seinen eigenen politischen Prinzipien eben nicht ferne lag, ausgerüstet, und ihn Wangerode und dem Kapitän empfohlen.
— Als der Morgen graute, fuhr er nach dem genuesischen Schiffe hinüber, dessen Rauchsäule bald zwischen den Masten der am Quai liegenden Schiffe emporwirbelte, während die Aegina nur noch ein Punkt auf hoher See war.
Wir dürfen nur Richard Forster folgen, wie er mit leuchtendem Blicke und stolzem Gange über die Landungsbrücke schreitet, — um wieder im Hôtel bei unsern Freunden anzulangen.
— — Die Nacht auf dem festen Lande war nicht weniger bewegt als auf dem schwankenden Schiffe.
Sprenger hatte sich resigniren müssen, sein gediegenes Elaborat allein zu Ende zu schreiben. —