Es läßt sich nicht leugnen, daß Juliens Urtheil und Einsicht in Geschäftsgegenstände auf einer sehr primitiven, kindlichen Stufe der Entwickelung stand. Ihre Jugend hatte keine Veranlassung geboten, sich mit dergleichen zu befassen. Kollmann hatte sie nie in seine Angelegenheiten eingeweiht, wonach sie auch kein Verlangen trug, und so lebhaft der Antheil war, welchen sie in letzter Zeit der Metallfabrikazion zugewendet, so äußerte sich derselbe mehr in der Bewunderung der gewaltigen Räder, Walzen und Wasserbauten, als in einer Frage, wie die entstandenen Platten und der glänzende Draht zum Gegenstande des Erwerbes, zur Basis einer wohlhabenden Existenz würden.

Auch die Ideen von gegenseitig sich bekriegender Spekulazion und Konkurrenz, — die eröffnete Campagne Kollmanns gegen die Interessen Arnolds, waren ihr nicht klarer, als der Rückzug der zehntausend Griechen unter Xenophon.

Klotilde dagegen, welche die Andeutungen Günthers, daß Kollmann vielleicht Etwas beim Prinzen zu suchen habe, mit den Mittheilungen Arnolds zusammenhielt, begriff den Hauptumriß der Fehde, und versuchte aus Julie irgend Etwas herauszubringen, was einen festen Anhaltepunkt böte. — Unter vielen zerstreuten Antworten tauchte endlich etwas Brauchbares auf. Julie sagte, Kollmann habe sich geäußert, er wollte dem Balle in der Villa nicht beiwohnen, weil er mit dem Prinzen in keine Berührung zu kommen wünsche. — Klotilde war nun zwar über den Zweck der Reise vollkommen im Dunkel, aber wenigstens darüber beruhigt, daß Kollmann keinen auf der Galanterie des Prinzen gegründeten Plan verfolge.

Die freundschaftliche Wärme der beiden Frauen nahm unglaublich zu mit der Ueberzeugung, daß sie von einander Nichts zu fürchten hatten.

Julie, welche bereits nach der heftigen Aufregung der Nacht hierüber mit sich ins Reine gekommen, wurde durch die angehörte Erzählung bestärkt, und Klotilde fühlte die Theilnahme für das Wohl und Wehe der Freundin lebhafter erwachen als je. Sie sprach von Arnold so viel diese hören wollte, und drückte im Tone des Vertrauens die Ueberzeugung aus, daß Kollmann etwas demselben in seiner ganzen Existenz Nachtheiliges beabsichtige.

Julie erschrak, verlangte nähere Aufklärungen und erhielt sie so vollständig oder unvollständig, als sie gegeben werden konnten. Sie begriff, daß die Beiden einander in ihren Interessen als Todfeinde gegenüber ständen und schwieg nachdenklich. Klotilde stand auf und fragte, ob sie Arnold, der nach dem Besuche im Freinhofe ihr doch vermuthlich auch hier einen zugedacht, Etwas melden solle? — Nach kurzem Besinnen erfolgte die Antwort: „Er soll mich nicht besuchen. Ich werde aber um vier Uhr die Gemäldesammlung der Akademie besuchen, und mich freuen ihm dort zu begegnen. Wie kann ich aber Sie treffen, liebste Klotilde?“

„Ich verlasse heute das Hôtel, um eine Privatwohnung zu beziehen, da ich vielleicht einige Wochen hier bleibe; Sie würden mich in dem ersten Gedränge der Angelegenheiten, die mich hieherführten, kaum treffen, — ich komme lieber, so oft ich mich frei machen kann, zu Ihnen!“

Bei diesen Worten trat Kollmann ein; das Gespräch verlängerte sich und die Erzählung des Balles bildete den Hauptgegenstand. So vorsichtig Klotilde gewisse Gegenstände berührte, wurde, unter dem Einflusse der unbezwinglichen Eitelkeit, doch des Prinzen einer Weise erwähnt, daß Kollmann tiefer in den Zusammenhang blickte, als sie dachte. Auch das Gespräch Arnolds mit dem Prinzen schilderte sie, um ihn zu ärgern, mit lebhaften Farben. Er hörte anscheinend gleichgültig zu.

Als sie fortgegangen, begab er sich sogleich zu Plomberg, welchen er bereits Tags zuvor gesprochen. Er traf ihn, in Folge eines nach dem Balle mitgemachten Gelages, mit Kopfschmerz behaftet, in der übelsten Laune. Nachdem aus seinen halben Antworten hervorgegangen, daß die allerhöchste Ankunft telegrafisch auf zwölf Uhr angesagt sei, sagte er: „Lieber Oberst, ich habe Sie um einen Freundschaftsdienst zu bitten, der für mich den größten Werth hat. Sie müssen mich auf die Audienzliste bringen.“