„Ja freilich,“ meinte der Schneiderpeter, „so lange der Mensch gesund ist und vollauf hat, thuts der Herrgott allein, aber wenn Einer krank wird und recht herunterkommt, müssen doch die Mutter Gottes und die Heiligen wieder heraushelfen. Ich habe aber einen Telegrafen an Herrn Morawski im Sack und bin Expresser.“
„Geh in die Kanzlei, — er ist gerade hinübergegangen.“
Morawski las die Depesche mit sichtlicher Aufregung, und rief den Werkführer Fontana zu sich, mit welchem er sich lange und angelegentlich besprach.
Das Resultat der Unterredung wurde bald offenbar. — Obgleich es erst Mittag war, ertönte die Glocke, welche gewöhnlich nur zum Feierabende und zur Mittagsruhe geläutet wurde, und die Arbeiter warfen ihr Geräthe weg und versammelten sich auf dem Rasenplatze vor der Fabrik. Morawski trat heraus und befahl den Italienern, sich abzusondern und Herrn Fontana zu folgen, welcher sich mit ihnen etwa fünfzig Schritte entfernte, in ihre Mitte stellte und, mit einigen Abänderungen, eine gleichlautende Rede mit jener hielt, in welcher sich Morawski gegen die Andern vernehmen ließ.
Ein Blick auf Letzteren machte begreiflich, daß er das Vertrauen Kollmann’s besaß, — Redner und Publikum waren einander werth. Herr Morawski war ein großer breitschulteriger Mann, mit blatternarbigem, verschmitzten Gesicht, Ohrringen in beiden Ohren und stark böhmischem Akzent.
Die Slowaken anlangend, standen dieselben in ihren ungeheuern Stiefeln, ausgefransten Leinwandsäcken, die die Beine bedeckten, und breiten Hutdächern mit einem Ausdrucke da, welcher zu Studien über die Perfektibilität der Thierseele Anlaß geben, aber auch alle sanguinischen Hoffnungen auf dieselbe abschneiden konnte. — Diese Nazion ist offenbar an einem regnerischen Freitag gegen Abend geschaffen worden. Wenn sich, wie bekannt, im Kopf eines Hechtes das sogenannte Leiden Christi, nämlich alle Instrumente vorfinden, welche zur Marter des Herrn, vom Verhör bei Pontius bis auf Golgatha, gedient, so müssen sich im Kopfe eines Slowaken überdieß die Torturwerkzeuge aller der Tausende von heiligen Märtyrern entdecken lassen. Wenn dieses Volk jubelt, klingt’s noch immer wie wenn ein anderes heult: der Slowak mag arbeiten oder trinken, betteln oder stehlen, durch jede Funkzion seines Lebens wird der nazionale Urjammer, der spezifisch-slowakische Weltschmerz durchtönen. —
Morawski sprach zu ihnen wie folgt:
„Unser gnädiger Fabrikherr, Euer Arbeitgeber, sieht vor Allem auf die Gottesfurcht und Frömmigkeit seiner Arbeiter. Er will gern einen Schaden erleiden, wenn Ihr dafür ein Werk der Andacht verrichten könnt. — Er gibt Euch zwei Tage frei, ohne den Lohn abzuziehen. — Es wird morgen die Kirche in Korbach geweiht; ein hoher Geistlicher, welchen der Erzbischof geschickt hat, wird den Segen geben, welcher so gut ist, als ob er vom Erzbischof selbst käme. Wer ihn erhalten will, der geht mit mir und Herrn Fontana, welcher Eure Kameraden führen wird, hinüber. Da Herr Kollmann will, daß Ihr in Korbach Nichts verzehrt, so werdet Ihr mit Lebensmitteln versehen werden. In Korbach sind viele Arbeiter, die an keinen Papst, keine Mutter Gottes und keine Heiligen glauben. Ihr werdet Euch ruhig und still betragen und jeden Zank mit diesen unglücklichen Menschen vermeiden, die Ihr bedauern müßt; wir werden aufbrechen, sobald Ihr Euern Wein und die Lebensmittel gefaßt habt, auch hat Herr Kollmann befohlen, daß Jeder von Euch einen Rosenkranz bekommen solle. Wer will die Wallfahrt mitmachen?“
Die Antwort war ein einstimmiges Freudengeschrei; man konnte glauben, es werde ein Häuptling zur Erde bestattet. — Wenige Minuten später klang der prachtvolle Akkord des fünfzigstimmigen Evviva! aus den metallnen Kehlen der Italiener herüber, welche die Hüte in die Luft warfen, Kollmann und die Madonna, den Erzbischof und den Branntwein leben ließen, aber mit allem Schreien, Gestikuliren, Hin- und Herrennen nicht verhindern konnten, daß die melancholischen Slowaken ihre Flaschen und Brotsäcke früher gefüllt hatten als sie.