In kurzer Zeit war Alles marschfertig. Der Kaplan hatte dem Ersuchen um eine Kirchenfahne willfahrt, mit welcher ein Arbeiter an die Spitze des Zuges trat, ihm zur Seite ein Vorbeter. Morawski und Fontana bestiegen einen leichten offenen Wagen, — die Italiener führte ein Maurerpolier und vormaliger Chorist, Namens Pompeo. Sie eilten voraus, um dem Gesange ihrer Kameraden zu entrinnen, stimmten zuerst ein Lied zu Ehren der Madonna di Korbacco an, ließen sich aber von Pompeo leicht aus dem religiösen Gebiete ins melodramatische hinüberziehen und bildeten einen gelehrigen Chor zu seinen Donizettischen, Verdischen und sonstigen Arien.

Als Alle abgezogen, machte der Schneiderpeter Anstalt zur Weiterbeförderung seiner zweiten telegrafischen Depesche.

Das Pferd wurde angeschirrt, die Rechnung bezahlt, und er überholte mit leichter Mühe die Arbeiter und den Hausirjuden und gelangte mit wenigen Unterbrechungen bis Labring, eine halbe Stunde vor Korbach.

Es war spät in der Nacht, als er bei seinem Geschwisterkinde, dem Ortsrichter, anklopfte. — Dieser empfing ihn mit freudigem Ausrufe und den Worten: „Den ganzen Tag habe ich an Euch gedacht, Peter! ob Euch nicht eine Botenfahrt hereinführen würde. Morgen soll ich zur Kirchenweihe und heute klopft die Dirne meinen neuen Rock aus, und der Hund versteht falsch und springt hinauf, und reißt den Aermel in Fetzen. Ich hätte wohl noch einen Rest Tuch, — wollt Ihr dran gehen?“

Der fleißige gefällige Peter ging flink an die Arbeit und stach so hurtig drauf los, daß er nahezu fertig war, als die Wallfahrer nachkamen und am Hause vorüberzogen. — Schließlich traf er fünf Minuten nach den Italienern, eben so viele vor den Slowaken mit seiner Depesche im Korbacher Wirthshause ein, wo eben der Jude, der mit ihm zugleich von Frauenwang ausgegangen, seinen Großhandel in eine Ecke und sich selbst daneben niederfallen ließ. Der Schneiderpeter versorgte sein Pferd, setzte sich, um einen Augenblick auszuruhen, betäubt von Wein und Nachtfahrt, auf die Streu nieder und schlief alsbald ein. —

Erst seit einer Stunde hatten auch die Bewohner des Ortes das Letztere gethan, nach dem bewegten Tage. Die Gemeinde hatte an den Vorbereitungen für Morgen gearbeitet, Alles übertüncht und behangen und gesäubert — aber lässig und verdrossen waren die letzten Arbeiten verrichtet worden, als die Erwartung der Ankunft des Erzbischofs nicht in Erfüllung ging, sondern aus dem ersten Wagen Pater Bernhard stieg.

Sein Name war in Korbach gehaßt, während trotz des dort herrschenden, nach der klerikalen Auffassung verderblichen Geistes, die Erscheinung des Erzbischofes nicht verfehlt hätte, großen Eindruck zu machen. Es liegt ein ganz eigner Zauber in der funkelnden Inful und dem Krummstab: das alte Spielzeug, der Nikolaus, tritt plötzlich vor das katholische Kind in lebendiger Größe hin, und während ein Pfarrer, Kaplan oder Dechant dem Bauer begreifliche, vertraute Erscheinungen sind, schwebt der Bischof immer ein gutes Stück über der Erde, zwischen geflügelten Engelsköpfen und Aposteln in Wolken.

Der Kirchenfürst hatte jedoch seinen Entschluß geändert. Bernhard, von seinem Sturze von dem in die Luft gebauten Prälatenstuhl erholt, — hatte in der Residenz eine unglaubliche Thätigkeit entwickelt. Der Erzbischof, bereits durch Korbach’s Ablehnung, ihn zur Einweihung zu laden, gereizt, — so wenig er es auch merken ließ, — war nun selbst der Ansicht, daß die Dinge zur Entscheidung kommen müßten. Er hatte Bernhard, da seine Stellung im Kloster unmöglich geworden war, und man die Wahl des Valentin aus höheren Gründen nicht umstoßen wollte, zum Domherrn ernannt —; und da das Auftreten des alten Korbach besorgen ließ, daß das Fest nicht ohne Störung vorübergehn und er zwar eine Krisis herbeizuführen, nicht aber seine Person einer Unannehmlichkeit auszusetzen wünschte, so übertrug er Bernhard die Vertretung derselben, und ließ ihm stillschweigend zu Allem, was er vorzukehren fände, freie Hand. —

Ohne daß eine Aenderung des ursprünglichen Beschlusses nach Korbach gemeldet worden, traf der nunmehrige Domherr daselbst ein, bezog die im Pfarrhofe bereit gehaltene Wohnung, indem er die ihm durch den Pfarrer gemeldete Einladung, im Herrenhause zu wohnen, ignorirte, und ließ für die Geistlichen seiner Assistenz Zimmer im Gasthofe nehmen. Er erklärte, er habe vor, die religiöse Feier mit Vermeidung alles Kontaktes mit den weltlichen Elementen von Korbach vorzunehmen, was nicht verhinderte, daß er die Gemeindevorstände zu sich beschied, sie nach den getroffenen Vorbereitungen fragte, und mit großer Spannung eine Stunde, und eine zweite, auf ein Lebenszeichen des Gutsherrn harrte. —