Mit Pfarrer Leo sprach er in kurzem trockenen Tone und als derselbe Einiges über den befriedigenden Zustand der Pfarre äußerte, unterbrach er ihn: „Der Erzbischof ist von der wahren Sachlage hier und in St. Martin zu genau informirt, um Ihrer Berichtigung zu bedürfen, — er weiß auch, wer bei den Vorgängen im Kloster, die sein Herz betrübten, in vorderster Reihe stand.“

Er ging in die Kirche, — wieder nach Hause — die Reizbarkeit seines Temperaments hatte sich durch keine Aderlässe und niederschlagenden Pulver vermindert. — Um neun Uhr Abends beschloß er eine verstärkte Ausgabe des Manövers mit dem Briefe: er schickte einen Geistlichen nach dem Herrenhause, um seine Ankunft formell anzusagen. „Kriecht er zum Kreuz und kommt, — gut; dann wollen wir weiter sehen.“ Als Vertreter des Erzbischofs hatte er jedenfalls das Recht, den ersten Besuch zu erwarten. —

Der Geistliche kam mit der Meldung, daß ihn der alte Herr in seinem Schlafzimmer empfangen, und gesagt habe, er werde als Kirchenpatron den Domherrn morgen an der Kirchenthüre erwarten und feierlichst begrüßen, und hoffe, derselbe werde mit allen Geistlichen der Assistenz ihm nach der Einweihung die Ehre erweisen, Mittags seine Gäste zu sein.

Man sieht, daß die Diplomatie nicht die stärkste Seite beider Parteien war. Korbach konnte unmöglich glauben, daß der Domherr die gelegentliche Einladung durch den rückkehrenden Boten annehme. Der Domherr aber hatte nicht in der klaren Absicht die Sache zum Bruch zu treiben gehandelt, sondern sich doch als möglich gedacht, den Triumf einer Unterwerfung Korbachs in die Residenz mitzubringen, wozu dieß der erste Schritt. Nun war für ihn nur ein Weg, und er war gleichwol ärgerlich über den erhaltenen Affront.

Er suchte Ruhe, schickte die Musik weg, die auf dem leeren Platz zu spielen begann, und überließ sich den Gedanken an den kommenden, wichtigen Tag. Seine Aufregung war nicht viel geringer als vor Eröffnung der Stimmzettel. Er ging auf und nieder, las eine vor der Abreise aus der Residenz erhaltene Depesche Kollmanns, als wollt’ er sich überzeugen, daß er sie die zehn ersten Male richtig gelesen, und griff endlich zum Hut, um dem schwülen Zimmer zu entfliehen. —

Schlummern mag der Eingeborne in Korbach — nimmer der Fremde, der vergebens einer „Nachtstille“ harrt. Sie ist entflohen an die äußersten Grenzen des Thales, vor dem ewigen Toben des Hammers, vor dem ewigen Rauschen des Wassers, — des weißschäumenden Blutes in jenem Körper, dessen Riesenglieder nie alle zugleich ruhen. Laßt es stocken und das Herz, das große Schwungrad, steht still, der Athem der Gebläse verstummt, die Lebensglut der Feuerstätten verlischt, die tausend Gelenke der Räder erstarren. — Die Perser hielten ihr Feuer nicht heiliger, als die Korbacher dieß Wasser. Beim Eintritt ins Thal empfängt es eine Ehrenpforte von Quadern und nun gleitet es weich dahin in blanken hölzernen Betten, hin zu den Werken, und lustig bietet sich ihm zum Tanze die flink umwirbelnde Turbine, — gehorsam, wie der Elefant dem kleinen Kornaken, fügt sich seiner Laune das haushohe Rad. — Dort leiten es gewundene Röhren in weiche Wiesen — dort fällt’s als Strahlenregen in Helenen’s Blumenbeeten — — jeder Tropfen nützt oder erquickt. Und während es zehnfach getheilt in rastloser Eile schäumend und sausend durch all’ die Räume sich drängt, und am Ausgang des Thales wieder vereint, wo jedes der fliegenden Korps dem andern erzählen mag, wie es gekämpft und was es besiegt, — schleicht nur der Ueberfluß träge im steinigen Hauptbett dahin, wie Marodeurs zur Seite der Armee. Das Thal ist von den Wassergeistern erfüllt, man athmet sie bei jedem Schritte, — sie drängen sich in der Nacht zu weißen Schaaren unter den Bäumen zusammen. Und wie die Sonne aufgeht über den Gerechten und Ungerechten, so kühlt auch die Nacht, — diese frische, tannendurchduftete, schaumdurchsprühte Nacht von Korbach — nicht nur die Wangen des Gerechten, sondern auch jene Bernhards.

Er ging über die Brücke, den Gebäuden entlang, und stand vor der Thür des Walzwerkes. Er trat hinein, die Arbeiter grüßten, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen und schoben ein Metallstück nach dem andern zwischen die Walzen, die das gußeiserne Schwungrad bewegte.

Nun stand er vor diesem, — betrachtete es, und konnte den Blick nicht davon abwenden — — wie es im rasenden, sinnverwirrenden Fluge sich drehte, daß die Speichen für das Auge in eine graue Scheibe verrinnen — ein Sklave des Wassers über sich, und mächtiger Zwingherr der Walzen unter sich, und diese wieder die Herren des Metalles — das sie erfassen, so ruhig-spielend und leicht. Das Zucken des Lammes in der Löwentatze ist eher ein Widerstand zu nennen, als dieß ohnmächtige Schwinden in einer einzigen Umarmung.

Der Beschauer vergißt der bewegenden Kraft, — des Zusammenhanges, — des Begriffes: Maschine. Er sieht ein Lebendiges vor sich — — aber Keinem, der vor einem solchen Getriebe stand, hat jemals die Fantasie vorgespiegelt, daß es von einem Geiste des Lichts, einem Cherub bewegt werde: der nächste Gedanke ist nur der Geist der Finsterniß, der Dämon, selbst in der einfachen Mühle, und das Prinzip ergreift unwillkürlich den Zuschauer....