Wahrlich auf hohem Gipfel der Nächstenliebe muß derjenige stehen, oder ein selten glückliches Dasein hingelebt — oder ein taubenfrommes Gemüth als Wiegengabe eingebunden bekommen haben, — der im ganzen Laufe seines Lebens nicht Einmal Jemandem den frommen Wunsch nachgesendet, daß ihn — — der Teufel holen möge. Und Jeder, aus dessen Brust nicht der Polip des Hasses mit der letzten Wurzel ausgerissen, der lege die Hand aufs Herz, und gestehe, welcher Gedanke in ihm aufgezuckt vor der Höllengewalt dieser umherstürmenden, Alles zermalmenden eisernen Ungeheuer? — — Die Fantasie ist schuldiger, als das Herz. —

Man wünscht ja nicht, daß es geschehe; man denkt nur — — wenn es geschähe! —

— Wer wird dich blutgierig nennen, armer, hungeriger Praktikant der Staatsbuchhaltung, wenn du vor dem Rade stehst und ein dir sonst fremder Geist in dir denkt: eine einzige Umdrehung; und die hundert und achtzig Vorrückungen sind vollbracht, deren es bedarf um vierhundert Gulden zu erreichen! Und so Jeder, der den Karren seines Jammerlebens nicht an die Stelle, die er ein „Ziel“ nennt, schieben kann, ehe nicht der Karren seines Vorgängers umgestürzt und in den Graben am Wege gefallen. — Und wenn der fromme Rechtgläubige die ganze übrige Menschheit, und der Razionalist die gesammte Klerisei im Geiste durch die Walzen zieht —? so sind’s eben Spiele der Fantasie, vom Windhauche der Teufelsmaschine aufgewirbelt.

Der Stellvertreter des Fürst-Erzbischofs stand da — das starre Auge auf dieselbe geheftet, und zeichnete in Gedanken auf den dunkeln Grund hinter den Speichen die Vignette zu dem „Liebet Euch unter einander, daran soll man erkennen, daß Ihr meine Jünger seid“ — er zog vor inkognito zu bleiben. Er gedachte seines geliebten Klosters, — des Mannes, der seinen Platz einnahm — seinem Auge erschienen die Metallplatten als Menschengestalten — — der alte Korbach — Alle, die in der Todtenkapelle zugehört, immer zahlreicher wurde die Gesellschaft — — — die ganze protestantische Gemeinde hat der stumme Wunsch durch die Walzen gezogen — — Aber die Knechte fassen ewig nur Platte auf Platte, und keiner weist grinsend nach einem Besorgten und Aufgehobenen....

Der Herr mag ihm den Willen für das Werk anrechnen! — Seine Vision ward gestört, da der alte Korbach, welcher die Werke jede Nacht zu unbestimmter Stunde besuchte, am entgegengesetzten Eingange des Gebäudes erschien. Bernhard trat schnell ins Freie. Korbach hatte ihn aber erkannt, und mit der Wahrheit und Treue, welche die erste Pflicht des Erzählers ist, muß bekannt werden, daß auch der alte biedere Fabrikherr, als er am Rade vorüberging, von dem ansteckenden „Gedankenspiele“ nicht verschont blieb. — Und sein Gedanke dürfte ihm in einer andern Welt zwar nicht als Verdienst angerechnet werden, aber dafür — in Erfüllung gehen.

Der Domherr ging noch einige Zeit umher, sich für die Predigt vorbereitend, die er vor dem Hochamte zu halten gedachte. — Er hatte den Grundgedanken dazu im Walzwerke gefunden. —

Korbach aber kehrte ins Wohnhaus zurück, um sich zur Ruhe zu begeben. Als er ans Fenster trat um es zu schließen, drang ein seltsames Getön vom Ende des Thales her an sein Ohr, — es wurde immer lauter, deutlicher und wehmüthiger, und er erkannte den Slowakengesang und wußte nicht, wie er sich die Rücksichtslosigkeit der nächtlichen Wallfahrer erklären sollte. — Das Lied verstummte, und es folgte das sogenannte Fahnenduett aus den Puritanern, von einem zahlreichen Chor im raschesten Tempo ausgeführt. — „Das läßt sich eher hören,“ sagte er, „aber wer zum Henker hat denn den Einfall, das ganze Thal in der Nacht aufzubrüllen?“ — Nun klangen die beiden Chöre ineinander, als gelte es, wer den Andern überschreie. „Ich gehe hinab,“ rief er, „und wenn die Kerls — ich habe gar keinen Begriff was sie nur wollen — nicht das Maul halten, so läute ich die Arbeiter zusammen und lasse sie bis Labring hinüberpeitschen!“

Als er die Thür öffnete, trat ihm Helene entgegen, im weißen Nachtkleide, worüber sie ihr dunkelblaues Tuch geworfen, das Köpfchen von den dichten blonden Flechten umwunden, und sagte lachend: „Vater, wenn nicht Alles trügt, so sind die Erzbischöflichen angerückt und beziehen da unten ein Lager.“ —

„Wollte Gott,“ rief Korbach, „es wäre Ernst, und wir lebten noch in der Zeit, wo es Erzbischöfliche und Pfalzgräfliche und Städtische und dergleichen mehr gab — in unserm elenden Jahrhundert darf man kaum eigenhändig Einen zum Hause hinauswerfen. Ich will nun sehen, was es ist.“

Der Markt war in Alarm. Als Korbach erfahren, daß es die Altenberger seien, ertheilte er sogleich Befehle; die Arbeiter wurden in den Werkstätten konsignirt, Keiner durfte ins Freie, die Gemeindevorstände mußten die Bauern beruhigen, die Häuser wurden geschlossen und die Lichter verlöscht. Alle Vorsicht war um so nöthiger, als die Stimmung Abends nach der Ankunft des Domherrn eine so gereizte geworden, daß es der kleinsten Anregung bedurft hätte, um eine Katzenmusik unter den Fenstern desselben zusammenzubringen.