Korbach kehrte nach Hause zurück und die Nacht verlief ruhig. Beim Frühstück, das er in Helenens Gesellschaft einnahm, wurde ein „Expresser“ gemeldet, und es erschien — der Schneiderpeter.
Korbach warf ihm einen Thaler hin, und rief, nachdem er weggegangen, — die Depesche Helenen reichend: „Viktoria! gute Nachricht von Arnold! nun soll mir Sprenger mit seinen Bedenklichkeiten kommen! Unser Monarch hält sein Zepter noch an einem Ende in der Hand, und die Pfaffen mögen am andern ziehen und winden wie sie wollen, zuletzt reißt er’s ihnen doch wieder aus den Fingern und klopft sie noch darauf, obendrein! — Hätt’ ich die Depesche Abends bekommen, ich wäre zum Domherrn gegangen, und vielleicht gar höflich mit ihm gewesen — der Sieger kann einen ersten Schritt machen, — einem geschlagenen Feind, heißt es, soll man goldene Brücken bauen! — Nun bleibt’s aber auch bei meinem Beschlusse in Betreff Arnolds.“ — Helene, welche verstand, was er mit den letzten Worten meinte, schien sich über dieselben zu freuen.
Unten wurde es bereits lebhaft. Scharen von Bauern aus allen umliegenden Orten waren zugeströmt, eine bunte Menge in Feiertagskleidern bedeckte den Platz, füllte die Gaststuben, vertheilte sich im Park des Herrenhauses, von welchem nur ein Theil für die Bewohner abgesperrt war. In vielen kleinen, offenen Kaleschen kamen die Verwalter, Hammerbesitzer, Amtsleute und sonstigen Honorazioren, — auf Steirerwägen die blumengeschmückten Burschen und Mädchen.
Das Programm des Tages war: um neun Uhr die Einweihung; dann Predigt; Hochamt; Diner im Herrenhause — Nach dem Nachmittagssegen große Tafel im Park, wo sämmtliches Fabrikpersonale bewirthet werden sollte.
Gegen neun Uhr stellten sich die Korbacher Arbeiter in schöner Ordnung im Halbkreise vor der Kirche auf. Die Altenberger waren gleichfalls hereingezogen; Morawski bat höflich, ihnen einen Platz anzuweisen, und man stellte sie, den andern gegenüber, in einiger Entfernung auf.
Nun erschien Korbach mit seiner Tochter, gefolgt von den Beamten und dem gesammten höheren Personale der Fabrik, in schwarzer Kleidung, und erwartete an der Spitze der Seinigen am Eingange der Kirche den Domherrn. — Dieser schritt im vollen Ornate mit seiner Assistenz vom Pfarrhofe herüber, am Gutsherrn vorbei, dessen Gruß er nicht zu bemerken schien und die Feierlichkeit begann, und ging in bekannter Weise vor sich. Die Geistlichen umschritten die Kirche mit den Rauchfässern, gingen dann hinein, besprengten alle Räume mit geweihtem Wasser, und sprachen Gebete und nun folgten die Weltlichen, so viel ihrer Platz fanden, in das nunmehr zum Gottesdienste geweihte Haus.
Der Domherr bestieg die Kanzel. Korbach begab sich mit Helenen in das derselben gegenüber befindliche Oratorium.
Die Predigt begann.
Der Text war: Auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen. — Die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.
Bernhard ging kurz über die erste Hälfte desselben hinweg, und wendete die gesammte Kraft seiner Rede auf den letzten Satz. — Auch nicht Ein Wehen des Taubenfittigs! — — Nichts als die Kralle des Teufels in den Nacken dessen, der da glaubt, es gebe einen andern Weg nach dem Himmel als jenen, der durch brennenden Schwefel beleuchtet ist. — „Was hilft ein neues Gebäude, wenn nicht ein neuer Geist einzieht? — Wer die räudigen Schafe nicht von den reinen trennt und vertilgt, ist Gott verantwortlich für das Verderben der letzteren. Das Feuer, das auf die entarteten Städte fiel, möge über das Thal herabfallen, wenn einmal nicht fünf Gerechte darin zu finden, und dahin muß es kommen, wenn die Pest der Ketzerei Hütte auf Hütte ergreift. — Aber der Herr weiß den Schuldigen zu finden, wenn nicht hier doch drüben.“ — Und nun kam das Bild der Hölle: Das Schwungrad, die Walzen, die Hämmer, der Hochofen — das mußten ja die Arbeiter begreifen: wie die Seelen und Leiber zerquetscht werden von den Rädern, die der geschmolzene Pechstrom umtreibt. — Hierauf folgte die Anwendung, wie Derjenige, der die irdische Maschine mißbraucht, um die Ketzer zu ernähren, von der höllischen erfaßt und mit ihnen zermalmt wird zur Strafe des Frevels, daß er Stein auf Stein aus den Mauern der Kirche gebrochen, deren patronus, Schutzherr er sich genannt.“