Er heftete den Blick fest auf Korbach, welcher aufstand, mit seiner Tochter das Oratorium verließ, langsam zwischen den sich öffnenden Reihen die Kirche durchschritt, und sich in ruhiger, würdevoller Haltung über den Platz nach dem Herrenhause begab.

Der Geistliche hielt absichtlich inne, um die Störung desto auffallender zu machen, und wartete noch einige Augenblicke, nachdem der Fabrikherr die Kirche verlassen, welchem einige Korbacher gefolgt waren.

Dann hob er mit schmerzlich bewegter zitternder Stimme wieder an, und bat Gott um Gnade für den Sünder, der dem Worte, das ihn zum Heile führen könnte, aus dem Wege geht — fiel aber bald in den früheren Ton, indem er dem Gutsherrn und Allen die zu ihm hielten, die gesammten Blitze und Donner des Anathema nachsandte, so daß es endlich auch den Uebrigen zu arg ward, welche die als Ausbund aller Laster geschilderten Protestanten als die bravsten und ehrlichsten Leute kannten, und die Kirche leerte sich rasch von den ursprünglichen Besuchern und füllte sich in demselben Maße mit Slowaken, für deren Kapazität es ganz gleichgültig war, in welcher Sprache gepredigt wurde. Trotz der gespannten Aufmerksamkeit, welche auf ihren Gesichtern zu lesen war, kürzte der Domherr nun die Predigt ab und verließ die Kanzel um das Hochamt zu halten, welches mit dem Aufwande der besten musikalischen Kräfte des Thales stattfand und ziemlich drei Stunden währte.

Die Kollmann’schen Arbeiter, von Morawski und Fontana in jeder Bewegung geleitet, nahmen nun fast die ganze Kirche ein, und die Korbacher, obgleich sie ihnen selbst den Platz geräumt, sahen es mit Aerger an. Die fremden Besucher bildeten abgesonderte Gruppen, allgemein wurde das Benehmen des Gutsherrn besprochen, von den Meisten gebilligt, von Einigen getadelt; — als der Gottesdienst geendet war, hatte sich Verstörung und Mißstimmung aller Gemüther bemächtigt.

Nun fuhren die Wagen mit den Geistlichen vom Pfarrhofe weg. Vor dem Kirchenthore ließ Bernhard halten, stand auf, segnete die Wallfahrer und sprach zu den nebenstehenden Gemeindevorständen mit weithin vernehmlicher Stimme: „Ich danke Ihnen für Ihre Bemühung zur würdigen Feier der heiligen Handlung. Wenn dieselbe nicht so vor sich ging wie es sein sollte, ist es nicht Ihre Schuld. Noch ist eine Handbreit Erde für den Samen des Guten in Korbach zu finden und ich bitte Sie nicht zu verzagen, — die Kirche wird Sie schützen, ihr Segen wird Ihnen so wenig fehlen, als die Strafe Denen, die sich nunmehr offen gegen sie aufgelehnt haben.“

Die Vorstände hörten schweigend und ernst der Anrede zu, — als aber die Wagen um die Ecke waren, ließ ein Hammerknecht, der zu den glühendsten Anhängern des Gutsherrn gehörte, aus voller Brust ein Vivat Korbach! erschallen, und da es bei einer aufgeregten Volksmenge nur eines zündenden Funkens bedarf, so scholl der Ruf, von Hunderten wiederholt, an die Ohren des Domherrn und seiner Begleitung, als Abschiedsgruß, — als wollte man den stummen Empfang gutmachen der ihm bei der Ankunft zu Theil geworden.

Morawski’s Augen leuchteten auf bei dem Rufe. Wie ein General oft mitten in der Affaire einen neuen Plan faßt, schien er jetzt mit dem seinigen im Reinen. Da trat Fontana zu ihm und sagte leise: „Meine Italiener sind nicht zu halten, sie wollen in die Wirthshäuser.“

— „Das dürfen sie nicht. Haben sie nichts mehr vom Vorrath?“

— „Keinen Schluck und keinen Bissen!“

— „Das ist schlimm. Verzehrt darf Nichts werden.“