Dieser Ansicht gemäß sei hier der reizende Freinhof mit der rücksichtsvollsten Kürze gezeichnet.
Auf der vom Seeufer sanft aufsteigenden Anhöhe, an den Waldhang gelehnt, steht das Schweizerhaus, Juliens Wohnung, — ein Stockwerk hoch, von uralten Tannen überragt.
Der feste steinerne Unterbau enthält zwei Dienerwohnungen, eine Küche und Kammern; der obere Theil, aus röthlich braunem Holze, zwei große Zimmer nach dem See hin, welche als Gesellschafts- und Musiksalon dienen, und vier kleine Piecen nach der Waldseite: Juliens Schlafgemach, ihr Boudoir, ein Bibliothekzimmer, ein Maler-Atelier.
Offene Gänge mit schlanken hölzernen Säulen und leichtem Dache verbinden das Schweizerhaus mit den beiden ebenerdigen Flügeln. An den hohen Bogenfenstern dieser aus rothen Ziegeln aufgeführten, mit grauem Schiefer gedeckten Gebäude läuft, in der Höhe von sechs Stufen, eine Gallerie hin, über welche wir, und zwar im linken Flügel, der die Fremdenzimmer enthält, bereits Arnold begleitet haben. — Den rechten Flügel bewohnt der Herr des Hauses bei seinen in den ungleichsten Zwischenräumen stattfindenden Besuchen des Freinhofes.
Etwa hundert Schritte von diesem Flügel, durch Baumgruppen von den Wohngebäuden getrennt, durch eine schattige Zufahrt mit denselben verbunden, liegen die Wirthschaftsgebäude.
— — — Julie war vor ihrem Mädchen die Treppe hinaufgeflogen in ihr Boudoir, hatte sich auf die Ottomane geworfen, und lag einige Minuten regungslos, ein Marmorbild, mit geschlossenen Augen da. Das Mädchen stand schweigend und betrachtete sie mit sanftem mitleidigen Blick; sie sah dieses Bild wohl nicht zum erstenmale. Julie schien nach einiger Zeit aus einem Mittelzustande zwischen Schlaf und Ohnmacht zu erwachen, und sagte leise und freundlich: „Nimm die Lampe weg, Martha, und komm in einer halben Stunde“ — und als sie im dunkeln Gemach allein war, drückte sie das Gesicht in die Kissen und zog, von Fieberschauer geschüttelt, einen Shawl fest um sich. Ob der zitternde Athem, der fliegende Puls, — ein Schmerzenslaut, der sich aus ihrer Brust rang, von einem Leiden des schönen Körpers, ob von einer tieferen, nur in einsamer Minute die Fesseln brechenden Seelenqual herrührten? — Vielleicht würde, hätte er sie belauschen können, derjenige die rechte Antwort getroffen haben, der sie doch nur eine Stunde lang kannte, — Arnold, wenn anders der Wunsch zu errathen die Fähigkeit des Errathens schärft.
Seele und Sinne hatten in der kurzen Stunde einen tiefen Eindruck empfangen. Er war aber gewohnt, keinen Eindruck in träumerischem Halbdunkel zu lassen: er war vor Allem wahr gegen sich selbst. Mit bestimmten Fragen beleuchtete er jedes nebelhafte Gebild in seinem Innern, bis es Gestalt und klaren Umriß gewann, und dann ward es warm im Herzen gehegt oder kalt abgestoßen.
Er fragte sich: Kannst du dich einer Empfindung entsinnen wie die, welche diese Frau in dir erregt? — Nein. — Kannst du dieses Gewoge von Eindrücken, welche dich während dieser Spanne Zeit bald erfreuten bald verletzten, Liebe nennen? — Nein. — Wie nennst du es also? — Er fand aber keine Antwort.
— Nachdem er sich in seinem Zimmer eingerichtet und den Inhalt seiner Reisetasche, — Zeichenmappe, Tagebuch, — geordnet auf dem Tische lagen, trat er ans Fenster und sah nach dem stillen See hinaus. Die Bilder des Abends begannen den dunkeln Raum vor seinen Augen zu füllen: er duldete dießmal die Träumerei und stellte sich keine Fragen mehr.