Sie war ihm zu verzeihen. — „Ich möchte — sagte er, vor Allem Sie fragen, wie kann ein so harter, wie ein dreischneidiger Dolch geschliffener Gedanke aus weichen Frauenlippen kommen?“
„Vielleicht, entgegnete Julie, — ist eben nur eine Frau in ihrer Schwäche eines solchen fähig; ich habe die kräftigsten Charaktere stets am versöhnlichsten gefunden, vielleicht mit Ausnahme eines Einzigen.“
„Der Zweite, rief Arnold, bin nicht ich! Ein dreifaches Nein! Ein Haß, wie Sie ihn malen, ist ein Ungeheuer unter den menschlichen Gefühlen, ist vielleicht die einzige, durch nichts zu tilgende Schuld gegen die Menschennatur! Ob ich zu den kräftigen Charakteren in Ihrem Sinne gehöre, vermag ich nicht zu entscheiden; die Ziele und Hindernisse, an denen ich meine Kräfte zu messen habe, liegen noch vor mir. Daß ich mir aber kein Verbrechen denken kann, das nicht endlich gesühnt werden, — und so auch keinen Haß, der nicht endlich erlöschen könnte, das ist wahr — so wahr, daß ich Sie — Vergebung meiner Offenheit! — innig beklagen würde, wenn Sie das, was Sie aussprachen, in seiner furchtbaren Bedeutung, in seiner ganzen tödtlichen Kälte zu fassen, zu begreifen vermöchten!“
War es doch das Nachzittern des nicht gesprochnen „andern“ Wortes, das ihn so heiß gegen den kalten Haß reden ließ?
„Es wird eine Zeit kommen, entgegnete Julie ruhig, wo Sie meine Frage, die Sie befremden muß, begreifen, — wo Sie auch den Grund derselben nicht hören, sondern so zu sagen mit erleben. Ich glaube, Sie werden unserem Hause, werden mir nicht fremd bleiben. — Daß Sie den Freinhof heute nicht verlassen, sondern die Gastfreundschaft annehmen, welche Ihnen dessen Besitzerin anbietet, versteht sich von selbst. Erst jetzt, da ich Sie den Bekannten, die Sie treffen, vorzustellen wünsche, bitte ich Sie mir zu sagen, welchen Namen ich nennen darf.“
„Ich heiße Arnold Korbach und theile letzteren Namen mit der Besitzung meines Vaters, dem Korbachthale, sechs Stunden von hier, wo unsere Metallfabrik liegt. — Ich habe mehr als ein Jahr auf der Reise in Begleitung eines Freundes meines Vaters zugebracht und wollte, nachdem ich nach der Rückkehr einige Tage bei den Meinigen verlebt, mit dem heutigen Nachttrain nach der Residenz, wo ich noch ein Jahr künstlerische und technische Studien betreiben werde, um dann die Leitung unserer Werke zu übernehmen.“
— „Ihr Name war für mich kein fremder Klang. Ich hörte Ihres Vaters bei vielen Gelegenheiten auf eine solche Weise erwähnen, daß ich mich nun doppelt freue, den Sohn eines von allen Rechtlichen so hochgeachteten Mannes kennen zu lernen. Der schwere Schlag, welcher im vorigen Jahre Ihr Haus durch den Tod Ihrer würdigen Mutter getroffen, deren segensreiches Wirken in weiten Kreisen bekannt war, hat innige Theilnahme auch bei denen erregt, welche sie nicht persönlich kannten.“
— „Die Kreise, von denen diese mir wohlthuenden Worte gelten, sind zwar höchst achtungswürdige, aber wohl kaum weite. Man kannte meine Mutter als die Gründerin der protestantischen Kolonie in Korbach, kennt meinen Vater als den Beschützer derselben, — als freisinnig, — verzeiht ihm in gewissen Regionen nicht, daß er, selbst Katholik, meine Schwester und mich im Glauben der Mutter erziehen ließ, und — ich werde mich nicht täuschen, wenn ich annehme, daß bei dem hier zu Lande herrschenden Geiste die Zahl Derer, welchen ein Unglück unseres Hauses Freude bereitet, größer ist als jene der freundlich Theilnehmenden.“
— „Ich hörte auch in diesem Sinne sprechen, und Sie können auf Ihre Feinde nur stolz sein. Glücklich, der in unabhängiger Lage sich des Beifalls der Guten freuen kann, ohne den Haß der Schlechten zu scheuen. Sie athmen Freiheit! Ein Wort, das mir wie eine ferne Kindheitserinnerung klingt. — Der Schlag der Hämmer in Ihren schönen Werken, deren blühenden Zustand Alle preisen, mag all’ dieß feindliche Gerede übertönen. Es freut mich, Sie gerade dieser Bestimmung entgegengehen zu sehen. Das Bild der Metallfabrik stimmt für mich zu Ihrem Wesen. Ich konnte mir Sie nicht am Schreibtische als Beamten, eben so wenig als künftigen Advokaten, Literaten, kurz als ein Mitglied der schreibenden Welt denken. — Nun sind wir im Augenblick zur Stelle — — in einiger Zeit wird Knorr auf Ihr Zimmer kommen, Sie ins Schweizerhaus zu begleiten.. vergessen Sie einstweilen meine seltsame Frage — urtheilen Sie überhaupt heute nicht über mich, Sie würden es vielleicht widerrufen müssen.“
Arnold drückte die dargebotene Hand. Sie waren gelandet; Hausleute und Diener des Freinhofes drängten sich unter Aeußerungen der Freude um Julie, welche freundlich dankte, Arnolds Jacke abstreifte, die sie ihm lachend über die Schulter hing und, von einem Mädchen gefolgt, nach der Mitte der Gebäude zuschritt. — Ein junger Diener in Jagdlivree hatte Arnolds Reisetasche demselben vorgetragen und führte ihn nach links, einige Stufen hinan, über einen hölzernen Gang, dessen geschnitzte zierliche Säulen, von Schlinggewächsen umsponnen, das vorspringende Dach trugen, in ein im bekannten Stile aller eleganten Chalets gehaltenes Zimmer, wo ihn aller Comfort empfing, welchen Reichthum und Geschmack vereinigt dem Gaste zu bieten vermögen. — Der Erzähler dieser Geschichte weiß, was er selbst und Tausende seiner Mitgeschöpfe unter Lokalitäten-Beschreibungen gelitten. Dieses mitleidslose Herumzerren durch Haupt- und Nebengebäude, das Inventarium sämmtlicher Einrichtungsgegenstände, meistens nur zu dem Zwecke, die Begabung des Autors als Dekorateur und seine Fachstudien im Tischler- und Tapazierer-Handwerk zur Schau zu stellen — — dieses Alles bildet ein dem Gesetze nicht erreichbares Vergehen gegen die Sicherheit des arglos vertrauenden Lesers, welches als Mißbrauch der schriftstellerischen Amtsgewalt zu bezeichnen wäre.