Korbach’s Arbeiter waren von ihnen durch die Brücke und die Umfriedigung des Parks getrennt, in welchem sie an den langen Tischen saßen, zwischen denen der Gutsherr ab und zu ging, mit den Leuten freundlich sprechend, und beständig die Fremden im Auge behaltend. — Die Protestanten und Katholiken saßen gemengt, die gespannte Stimmung begann einer fröhlichen zu weichen und man kümmerte sich nicht um die Slowaken. Plötzlich stimmten diese auf ein Zeichen Morawski’s eines ihrer Jammerlieder an. — Ein Murren antwortete. — Korbach gebot den Seinen Ruhe, fand Gehorsam, befahl aber dem Wächter, das Gitterthor nach der Brücke zu schließen.

Nun war das Lied geendet und man sah die Sänger sich erheben und wie zum Abzuge ordnen, woraus keineswegs zu schließen, daß sie gingen. — In diesem Augenblicke wiederholte der Hammerknecht, welcher das „Vivat Korbach“ beim Abschiede des Domherrn provozirt hatte, diesen Ruf, und in der nächsten Minute scholl es vom Kirchenplatze mit dem vollen Kraftaufwande sämmtlicher slowakischer Lungen herüber: „Zivio Gospodin Kollmann!“[2]

Die Arbeiter fuhren schreiend von den Sitzen empor — Korbach schlug mit voller Kraft mit dem Stocke auf den Tisch und nochmals dämpfte sein donnerndes: Ruhe! den Aufruhr — aber bereits war ein Stein aus dem Park über die Staketen geflogen und hatte einen Slowaken an den Kopf getroffen.

Morawski schien seine Leute mit eiserner Gewalt zu beherrschen, denn das angestimmte Geheul verstummte augenblicklich wieder, und nun rief er vortretend, gegen das Gitter hin: „Die Beleidigung frommer Wallfahrer, welche beten, während Andere trinken, wird ihre Richter finden! Wir ziehen ruhig ab, haben Niemanden beleidigt, aber es wird uns auch Niemand verwehren, unsern Brotherrn leben zu lassen, wie Andere den ihrigen, darum nochmals: Zivio Kollmann!“

Der Ruf war noch nicht verklungen, so war dem Wächter der Schlüssel entrissen, das Thor geöffnet, und die von Wein und Zorn glühenden Arbeiter stürzten wie ein Wildwasser, das den Damm durchrissen, heraus, über die Brücke auf die zusammengedrängten Fremdlinge. Korbach’s Ruf ward überschrien, er vermochte nur mit äußerster Anstrengung in die vorderen Reihen der Seinigen zu gelangen, allein während er die Nächsten zurückwarf, setzten die Andern, vom Dunkel begünstigt, auf allen Seiten ihr Rachewerk fort. Die Slowaken waren stämmige, kraftvolle Leute, vermochten aber der überlegenen Anzahl der eben so kräftigen Hammerleute und Schmiede, denen sich auch die Bauern anschlossen, kaum einige Minuten zu widerstehen, und wurden in einem verworrenen Knäuel mit unglaublicher Schnelligkeit die Straße hinabgetrieben, unter einem Hagel von Fausthieben auf ihre runden Hüte und breiten Rücken, — und buchstäblich aus dem Orte hinausgeworfen.

Korbach hatte nun das ganze Aufsichtspersonale um sich vereinigt und es gelang ihm, der Verfolgung Einhalt zu thun, — jeder der Vorgesetzten wußte rasch und energisch die ihm unmittelbar unterstehenden Arbeiter zu sammeln, die Ordnung ward so schnell hergestellt, als sie gestört worden. Der Fabrikherr verkündigte strenge Untersuchung und Bestrafung derer, die zuerst angegriffen, schickte alle in die verschiedenen Werkstätten zur Nachtarbeit und besichtigte mit Einigen von der Gemeinde das Schlachtfeld, welches mit Hüten und abgerissenen Kleidungsstücken der Vertriebenen bedeckt war. Zwei Slowaken lagen schwer verwundet an der Kirchenmauer und wurden nach dem Herrenhause gebracht, wo sie den Händen des Arztes der Fabrik übergeben wurden.

Während dieß geschah, kam Morawski mit einem Begleiter zurück, näherte sich Korbach und sagte ruhig, er komme, für’s Erste, um die zurückgebliebene Kirchenfahne der Wallfahrer zu holen. Sie wurde beim Laternenlicht gesucht, und fand sich, die Stange zerbrochen und das Tuch zerrissen. — Morawski übergab sie seinem Begleiter, welcher damit fortging und erklärte, sofort seine Aussage über das Vorgefallene vor der Gemeinde-Obrigkeit zu Protokoll geben zu wollen.

Das Ansinnen war nicht zu verweigern. Korbach, der ihn keines Wortes würdigte, ging ins Herrenhaus zurück, Morawski aber nach dem Ortsgerichte, wo er vor dem Richter und Geschwornen seine Aussage niederschrieb und unterzeichnete. Nachdem er sich noch überzeugt, daß die beiden Verwundeten sich in guter Pflege befänden, entfernte er sich und trat mit den Seinigen den Rückmarsch an, mit dem Gefühle der vollsten Befriedigung über seine Leistung.

Kollmann hatte gut gewählt, — Morawski seine Aufgabe in politischer und strategischer Beziehung so gut gelöst, daß ihn jeder diplomate-militaire beneiden kann.

— — Nicht ohne Bedauern sehen wir unserer Erzählung durch das Zusammentreffen der Umstände einige der schönsten Effekte entgehen.