— „Ja, wenn wir die alten unhaltbaren Verbindungen aufgeben und einen neuen Weg einschlagen.“

— „Den kann der Vater nicht betreten, folglich mußt du annehmen.“

Ruhig und klar besprachen die Geschwister die Lage, die sich durch die Vorfälle des Tages gezeichnet. Endlich fand Helene den Uebergang auf den Gegenstand, der ihr nach der großen Frage des Hauses am Meisten am Herzen lag.

Sie wußte die Folge des Freinhofbesuches, wußte daß Arnold liebe und freute sich dessen. Es fiel ihr nicht ein, den Gedanken bis zu einer Konsequenz zu verfolgen, welche ihr Gefühl verletzt hätte. — Hunderte ihrer Schwestern, weniger unschuldig als sie, sind schnell mit dem Verdammungsurtheile über die Liebe zu einer Frau fertig: entweder für einige Zeit, bis sie nämlich selbst der Gegenstand einer solchen Liebe geworden, oder auf immer, wenn sie es niemals werden. Eine andere Liebe zu einer Frau als jene des Göthe’schen — nicht des wirklichen — Tasso konnte sich Helene nicht denken, und an einer solchen fand sie nichts Verwerfliches. — Aus dem Zusammenklange von hellem Verstande, freiem Sinn und blütenreinem Herzen konnte nichts Anderes hervorgehen, als ein Segenswunsch für das Gefühl, in welchem sie Arnold glücklich sah.

Er sprach heute ganz offen mit ihr, und sie ging in ihren Gedanken einen kühnen Schritt weiter. Sie fragte, indem sie Arnold vielsagend ansah: „Ist Julie Protestantin?“ —

„Ich weiß es nicht einmal,“ war die Antwort.

— „Ich begreife, daß Ihr Euch um andere Dinge als Euer Glaubensbekenntniß zu fragen hattet — aber du weißt wohl, warum ich fragte.“

— „Ich verstehe dich vollkommen. Ich vertraue dir Etwas, was mir nicht anvertraut worden, sondern was nur mein Gedanke ist... der Gedanke heißt: Julie ist nicht seine Frau.“ —

Helene trat betroffen zurück — ernst und schmerzlich sahen die dunkelblauen glänzenden Augen in die des Bruders. „Wenn es so ist, sagte sie mit Würde und Entschiedenheit, — was kannst du sagen, Arnold, um zu rechtfertigen, daß du mich zur Vertrauten einer Sache gemacht, von der ich Nichts wissen will, von dem Augenblicke an, wo deine Geliebte keinen Namen führt, mit dem mein Mund sie nennen kann?“

— Arnold hielt Blick und Frage und Vorwurf ruhig und lächelnd aus und sagte: „Ich würde mich deiner Betroffenheit freuen, meine liebe, schöne, strenge Schwester, wenn sie sich nicht von selbst verstände. Vergiß aber nicht, daß der Antheil von Ehre unsers Hauses, für den du und ich Rechenschaft zu legen haben, ein ganz gleicher ist, und suche nach keinem andern Namen für Julie, als den sie verdient, nämlich jenen deiner Schwester und einer Tochter unserer Eltern.“