Es verging eine halbe Stunde, bis sich die Fenster desselben erhellten. Er sah nach und nach mehrere Gäste des Freinhofes von seinem Flügel aus hinübergehen. Der Diener hatte erzählt, daß ein Theil der Gesellschaft, auf einem anderweitigen Ausfluge gleichfalls vom Gewitter überrascht, fast gleichzeitig mit Arnold angelangt war. — Er folgte nach einiger Zeit, und als er über die von außen auf die Gallerie des Schweizerhauses führende Treppe an das erste offene Fenster des Salons gelangte, wurde er, aus dem Dunkel kommend, von dem Glanz geblendet, der ihm entgegenstrahlte.
Die sechs Kristallkugeln der Hänglampe im Verein mit der großen Lampe des Theetisches gossen fast überreiches Licht über den behaglichen Raum. Die Geister Aladins schienen einen kleinen Salon der Residenz mit seinem ganzen weichen, glänzenden, warmen, duftenden Inhalte aufgehoben, über die Berge hingetragen und in die braunrothen Wände des Schweizerhauses niedergesenkt zu haben.
Er überblickte die Gesellschaft. Auf dem Ecksofa am Theetische war Reiland um eine blonde junge Frau beflissen, welche ihm zerstreut zuhörte und die lebhaften Augen klug und beobachtend von einem Mitgliede der Gesellschaft zum andern fliegen und nur manchmal auf ihrer Häckelarbeit ruhen ließ. Ihre Gestalt und Haltung machte den Eindruck der Selbstständigkeit und Entschiedenheit, welcher durch weiche, schöne Züge gemildert wurde. Das Fauteuil neben ihr besetzte ein Herr, in dessen Zügen nebst der entschieden günstigsten Meinung von sich selbst, auch die Kurse von Kredit und Nordbahn zu lesen waren. Er demonstrirte irgend Etwas mit großer Lebhaftigkeit einem vor ihm stehenden Husaren-Obersten und einem dürren, scharf und falsch blickenden Geistlichen. An einem Seitentischchen im Journal lesend, saß Knorr in einem, dem riesenhaften schwarzen Holofernes-Kopfe zur besondern Folie dienenden weißen Drill-Anzuge —, das Höchste, was er an „Staat“ entwickelte, wenn es galt zu repräsentiren, wie bei den seltenen Besuchen, womit er, und zwar erst in neuerer Zeit, den Kollmann’schen Salon beehrte. Ihm gegenüber der Hofrath, blaß und in sich zusammengeschrumpft, mit Bleistift in seine Tablettes schreibend. Zwei schöne Mädchen von etwa sechszehn und achtzehn Jahren schwätzten mit einigen jungen Leuten, deren Schablonengesichter durch die Gebirgstracht, die sie zum Freinhofbesuch angelegt, noch unbedeutender als gewöhnlich erschienen.
Einen Augenblick fühlte sich Arnold von der ganzen fremden Welt, die ihm durch die leichten Vorhänge entgegenglänzte, so abgestoßen, daß ihn der Gedanke anwandelte, auf seine Zimmer zu gehen, einen Brief mit Dank und Lebewohl an Julie zu schreiben, und dann — die Reisetasche gepackt — in die Nacht hinaus — über die Föhrleiten zum Bahnhofe... Der Abend sollte dann ein für sich bestehendes Bild, das mit seinem früheren und späteren Leben nicht zusammenhing, sollte nur die letzte und schönste seiner Reiseerinnerungen bleiben.
Doch fühlte er schnell das Unpassende eines solchen Benehmens. Hätte er sich mit gewohnter Gewissenhaftigkeit befragt, so hätte die Antwort gelautet: du bleibst nicht weil das Gehen unpassend ist, sondern weil du sie nochmals sehen willst.
Er trat ein; die Gesellschaft ohne sie schien ihm ein Wachsfigurenkabinet. — Nach leichter Erwiederung seines leichten allgemeinen Grußes kümmerte sich Niemand um ihn, außer Knorr, welcher aufstand, ihn in ein Fenster zog und sagte: „Studiren Sie sich die Gesichter und sagen Sie mir aufrichtig, welches Ihnen das unausstehlichste wäre.“ Arnold lächelte und entschied für den Geistlichen. „Ins Schwarze getroffen! — sagte Knorr. — Uebrigens wird noch der Herr des Hauses in der Nacht erwartet.“ —
Jetzt flog die Thür des Boudoirs auf, und im hellblauen Kleide, rothe Mohnblumen im Haar, trat Julie herein, mit leichtem elastischen Schritte, ein strahlendes Lächeln um die frischen Lippen, Rosenflammen auf den Wangen, Liebreiz und frohes Leben in jedem Zuge des Gesichtes, jeder Wellenlinie der Gestalt, und das Siriusfeuer ihrer Augen durchflog elektrisch den Kreis, der sich um sie zusammendrängte.
In den ersten drei Minuten waren auf jeden der Anwesenden von der Springflut ihrer Begrüßungsworte einige Tropfen gefallen: Jeder mochte das Gefühl des Bevorzugtseins haben. Eine Umarmung der blonden Frau, ein Handreichen an den Obersten, den Banquier und Knorr, eine für den feineren Beobachter fast ironische Verbeugung vor dem Geistlichen, zwei Küsse auf die beiden Mädchenstirnen — — das folgte einander in leichtem Fluge, wie wenn der Wind die Blüten vom Baume weht. — Und nun klangen die Stimmen in jenen Chor zusammen, welchen manchmal eine Gesellschaft in dem Moment anstimmt, wo ein Alle gleichmäßig berührender Gegenstand wie das heutige Gewitter und die Wechselfälle der Seefahrt sich darbietet, den nun Alle wie einen Ballon aus den Raquettes des Gespräches umherfliegen lassen und dem Nachbar zuwerfen, bis Jeder sein heureux mot, seine Frase los geworden.
Julie durchbrach den Kreis, ging auf Arnold zu und führte ihn an der Hand zum Sofa mit den Worten: „Wir haben heute zusammen die Launen eines treulosen Elementes getragen, nun bleiben Sie mein Nachbar und ruhen Sie hier im Genusse, den jedes überstandene Leiden gewährt.“ —
Arnold, der um die Welt gern wieder auf dem treulosen Elemente gewesen wäre, entgegnete: „So erquicklich auch die jetzige Lage, so wüßte ich doch nicht, daß sie vor jener, die Sie als überstandenes Leiden betrachten, für mich einen andern Vorzug hätte, als den, Sie selbst in schöner, behaglicher Sicherheit zu sehen.“