„Nun müssen Sie noch dazusetzen — sagte Julie, daß für den Mann der Kampf mit den Fluten beglückender ist als der Frieden am Samovar, und beidem ist genügt, sowohl der Galanterie, die Sie im Westen gelernt, als dem Stückchen Nordlandsrecke und Junker Frithiof, das Sie aus der Heimat mitgenommen und, in seiner besten Bedeutung, wieder zurückgebracht haben.“ —
„Wie kann man einen so traurigen Namen haben? wer heißt doch Friedhof!“ rief der Banquier Hr. v. Wörlitzer aus; und da gewisse Fragezeichen auf der Stirn des Obersten und des Hofraths verriethen, daß auch sie sich nicht in der Lage befanden, das Mißverständniß zu lösen, so nahm Reiland das Wort und sagte: „Herr von Plomberg, der Mann des Schwertes, ist durch seine Thaten auf dem Schlachtfelde der Verpflichtung enthoben, die erdichteten der alten Germanen zu lesen, und sowohl der Herr Hofrath, als Herr von Wörlitzer, der Mann des allbeherrschenden Goldes, dürften bei ihren reellen Geschäften kaum Muße finden, sich mit den Nebelbildern altdeutscher Poesie zu befassen.“
„Gehorsamer Diener, rief der Oberst, meinen Sie vielleicht die Thaten im letzten Feldzug, wo mein Regiment immer da stand, wo es kein Mensch brauchte? In den Stunden unsers müßigen Zuschauens, wo wir uns nicht rühren durften, wenn unsere Leute unter unsern Augen zusammengehauen wurden, hätte ich den ganzen Junker Friedhof oder wie er heißt zehnmal auswendig lernen können!“ — Das Gesicht, welches Knorr bei Reilands vermittelnder Anrede aufgezogen hatte, läßt sich nicht beschreiben. „Da haben wir das tägliche Brot, die Politik,“ brummte er vor sich hin.
Und so kam es auch. In wenigen Minuten hatte sich das Gespräch der Tagesfragen bemächtigt und trug den Charakter jener allgemeinen Verstimmung und Gereiztheit an sich, welcher seit dem letzten Friedensschlusse auch die konservativsten Elemente ergriffen hatte. Der Oberst, der Geistliche, der Banquier, der Hofrath konnten als Vertreter der Stände gelten, welche die Grundpfeiler des Bestehenden vorstellen, aber Alle waren darüber einig, daß die öffentlichen Zustände beklagenswerther geworden als je, mit dem Unterschiede, daß der Soldat und der Geistliche das Heilmittel in einem entschiedenen Rückwärts erblickten, — der Banquier in einem entschiedenen Vorwärts, während der Hofrath zwischen den Kontrasten durchlavirte.
Besonders lebhaften Antheil nahm die blonde junge Frau, welche, als dieses Thema auftauchte, in kurzen scharfen Sätzen die Meinungen zusammenfaßte, und den beurtheilten Personen und Verhältnissen jene schonungslosen Bezeichnungen gab, welche die Standeskonvenienz den Männern verbot. Das Gespräch durchlief seine natürlichen Stadien der Gährung und endigte, wie all’ die Tausende seinesgleichen, mit dem Refrain: „So kann es nicht bleiben.“
Bald nach Beginn desselben hatte Julie sich erhoben, Arnold gewinkt ihr zu folgen und ging mit ihm in den Musiksalon, wo sie sich in eine Causeuse in der Fensterecke setzte.
„Wir sehen uns nun erst eigentlich wieder, — begann sie, denn bei der Gesellschaft draußen waren Sie mir so ferne als in Ihrem Zimmer im Fremdenflügel. Waren Sie denn nicht überrascht, fuhr sie lächelnd mit Selbstironie fort, mich als Rose wiederzufinden, nachdem Sie mich als Lilie verlassen hatten?“
„Ich gestehe, daß entweder die natürlichen Umwandlungen Ihres Wesens wunderbar rasch vor sich gehen, oder daß Sie eine, ich möchte sagen, übermenschliche Kraft besitzen, um so zu scheinen — — denn was kann eine Frau, welche angegriffen, leidend, nach einer bestandenen Lebensgefahr zurückkehrt, bewegen, eine Stunde später eine solche Fülle von geselliger Liebenswürdigkeit zu entwickeln, während ihr vielleicht die Einsamkeit ein Labsal wäre, — und einen Frohsinn — verzeihen Sie mir den Ausdruck, — zur Schau zu tragen, der Sie, wenn ich nach dem Eindruck der kurzen Seefahrt über Ihr Wesen urtheilen dürfte, ein Opfer kostet, — — das Diejenigen, denen es gebracht wird, kaum zu erkennen scheinen?“
Julie sah ihn überrascht, — sinnend, — erfreut an und sagte: