„Genug, ich besitze diese Kraft; was mich bewegt, sie anzuwenden, wird Ihnen so wenig ein Räthsel bleiben, als meine befremdende Frage auf der Heimfahrt.“

„Ein Räthsel ist mir der ganze heutige Abend, von dem Augenblicke an, wo ich Sie am Felsenufer begrüßte, bis zum jetzigen. Der Freinhof selbst war ja wie ein Märchen vor mir aufgetaucht an einer Stelle, von welcher mir, als ich sie vor Jahren betrat, nur das Bild der tiefsten Einsamkeit und Abgeschiedenheit geblieben. Ihre Worte aber, aus der Luft des freundlichen Scherzes in geheimen Tiefen tauchend, klingen mir, wenn auch als ungelöste Räthsel, in der Seele nach, und werden mich begleiten, wohin mich das Leben auch führe. Eine Unwahrheit wäre es aber, wenn ich sagte, daß der Eindruck, den ich mitnehme, ein froher, glücklicher ist. Sie sind beides nicht.“

„Arnold!“ erwiederte sie, und ihre duftigen Locken berührten fast seine Wange — „ich spreche zu Ihnen, wie keine Frau vor mir zu Ihnen gesprochen, vielleicht keine sprechen wird. Ich vertraue Ihnen, weil die Wahrheit selbst ihre Gestalt der Lüge geborgt haben müßte, wenn aus Ihren Augen ein falsches Gemüth blicken könnte. Ich sage Ihnen, ich weiß, daß Sie den Freinhof, daß Sie mich nicht vergessen werden, — weiß, daß wenn ich einen Beweis dieses Gedenkens, selbst ein Opfer von Ihnen forderte, Sie mir Alles verheißen, Alles erfüllen würden.“

Arnold war, wie ein im Blumenduft Schlummernder, betäubt: das war wieder der tiefe in der Seele nachzitternde Ton der Stimme — waren wieder die langsam, in spannenden Zwischenräumen einander folgenden Worte.

Sie neigte sich im Sprechen zu ihm, und der reiche Flor der wundervollen Formen lag warm mit mattem Glanze vor seinen verwirrten Augen. — —

Er fand keine Worte als die Bitte, jenen Beweis, jenes Opfer zu nennen!

Sie erwiederte: „Die Zeit, wo Sie Ihr Wort erfüllen, wird kommen! — — Wenn ich Sie errathe, so kann Ihnen in der Gesellschaft, zu der wir nun zurückkehren, nicht heimisch zu Muthe sein; wenn Sie sie verlassen, nehmen Sie von Niemandem Abschied; es wird, wie es hier gehalten wird, Keinem auffallen. Den Brief, den ich Ihnen hier gebe, sind Sie so freundlich, in der Stadt an seine Adresse zu geben. Und nun, da Sie vor Tagesanbruch über die Höhe wollen — sagen wir uns hier Lebewohl, — auf Wiedersehen!“

Ihre Hand hatte während des ganzen Gespräches in seiner geruht; sie zog sie bei den letzten Worten zurück, stand schnell auf, und im nächsten Augenblicke schlugen die Wellen der Gesellschaft über die Blumenauen zusammen, welche für Arnold mit Zauberschnelle erblüht waren in der tropischen Wärme des Gespräches im matt erleuchteten Musiksalon — — in welchem wohl noch keine Melodie einen Hörer mächtiger ergriffen haben mochte. — — —

Sie tönte fort durch die stille Nacht, als er in seinem Gemache am Fenster stand und auf den dunkeln See hinaussah.