Nun fährt er nach der Fabriksniederlage in der Stadt, wo er von alten und jungen Bediensteten, vom Geschäftsführer bis zu den Knechten in den Magazinen, mit achtungsvollen Freudenbezeigungen empfangen wird, und sich mit Ersterem aufs Comptoir begiebt, wo er in Büchern und Korrespondenzen arbeitet, — Bestellung von Aufträgen seines Vaters an Geschäftsfreunde, — ein schnelles Mittagsmal in einem Hotel, Besuche in zwei Maschinenfabriken, bei alten Bekannten seiner Familie und bei Freunden, welche er mit Ausnahme dessen, nach welchem er sich am meisten gesehnt, alle zu Hause trifft, haben die zweite Hälfte des Tages in Anspruch genommen, und er kehrt in seine Wohnung zurück und setzt sich ans Schreibpult, um dem Vater und der geliebten Schwester Helene den ersten Gruß aus der Residenz zu senden.

Und diese zwölf thätigen, wechselvollen Stunden hatten die Bilder des vorigen Abends mit mehr Schleiern bedeckt, als eben so viele Tage eines einförmigen unbeschäftigten Lebens vermocht hätten.

Wer hat nicht die Erfahrung gemacht, daß am zweiten oder dritten Reisetage eine Woche zwischen diesem und dem Abschiede von der Heimat zu liegen scheint, — daß ebenso die Eindrücke der Reise von denen, welche den Rückkehrenden umfangen, schnell in eine gewisse Ferne gerückt werden?

Mächtig hatte das eigenthümliche, wie mit magnetischen Strichen bezaubernde Wesen der reizenden jungen Frau auf Arnold gewirkt. Aber seine gesunde jugendliche Kraft kannte keine Schwelgerei in einem Gefühle um des Gefühls willen: er goß in eine Flamme, die in ihm aufzuckte, weder Oel noch Wasser. So viel natürliche Nahrung sie in seinem Innern vorfand, so lange eben brannte sie und so helle.

Schon auf dem drei Stunden langen Wege über das Gebirge in der Morgenfrische milderte sich das schmerzliche Gefühl, womit er, aus seinem Zimmer tretend, zur Gardine des Eckfensters im Schweizerhause hinaufgeblickt hatte.

Die Reise hatte seinen Blick erweitert, seine edelsten Kräfte entwickelt und nun war der Augenblick gekommen, wo das Sistem sich bewähren sollte, welches sein Begleiter, Sprenger, der treffliche, kluge Freund seines Vaters, befolgt hatte, als er es sich zur Aufgabe gemacht, der Mentor des jungen Mannes zu sein, ohne es zu scheinen.

Er hatte keinen Sumpf und keine Giftblume vor ihm verhüllt; — aber den Sumpf durch kalte ruhige chemische Analise in seine ekelhaften Bestandtheile aufgelöst, die Giftblume vor den Augen des Jünglings botanisch zergliedert, medizinisch ihre zerstörende Kraft erwiesen, ohne Duft und Farbenpracht wegleugnen zu wollen.

Wohl wußte er, daß ein jugendlich heißes Blut weder durch Reflexionen noch moralische Abschreckungstheorien zu kühlen sei; er eiferte nicht gegen Weiber, nicht gegen Liebe, ja nicht einmal gegen Sinnenliebe, sondern suchte vor Allem in seinem Telemach jenen Stolz zu entzünden, der vor Wegwerfen seiner selbst und vor Zersplitterung bewahrt.

Mit klaren Worten gerade aufs Ziel losgehend, mochte er sagen: „Die Gelegenheit, durch Handeln den höhern Platz, der deinen Kräften gebührt, einzunehmen, dich positiv auszuzeichnen, ist dir nicht immer, ist dir jetzt nicht geboten: aber negativ, durch Unterlassen, dich vor den meisten deines Alters auszeichnen, das kannst du immer; — liebe, wenn dir die Rechte begegnet, mit ganzer Seele und ganzem Sinne, aber niemals soll dich Eine haben können bloß deswegen, weil sie dich haben will, und wäre sie die Reizendste ihres Geschlechts. — So wenig der Mann sich „heirathen lassen“ soll, so wenig soll er sich „verlieben lassen.“ — Kurz du darfst nicht Mittel eines Weiberzweckes werden, sei dieser Zweck die Befriedigung einer Seelenschwärmerei oder eines Sinnenverlangens. — Liebe Eine, welche dich liebt, aber nicht, weil sie dich liebt. — Du wirst Derjenigen, die dich erfüllen und fürs Leben beglücken kann, nicht begegnen, ohne dich früher mehr als einmal getäuscht zu haben, das heißt du wirst nicht heirathen, ohne vorher ein Paar Narrheiten zu begehen, aber es seien wenigstens selbstständige, aktive Narrheiten, kein „halb zog sie ihn, halb sank er hin“ — kein passives Aufgehen in einer begehrlichen Laune einer Erfahrnen, welche an deinem frischen unverdorbenen Wesen die überreizten Nerven kühlen will, wie eine von der Mysterien-Literatur Uebersättigte sich plötzlich in „Dorfgeschichten“ und „Zwischen Himmel und Erde“ stürzt.“

Sicherlich gibt es keine Erziehungskunst, welche bloß durch aufgeführte Dämme eine junge Saat vor Ueberflutungen zu schützen vermag. Ein weiblicher Blumengarten mag auf solche Art eine Weile bewahrt werden: das männliche Schlacht- und Erntefeld ist nur sicher durch seine Höhe. Gelingt es nicht, das ganze Niveau des innern Menschen zu heben, so sind alle Dämme, die bald da bald dort durchbrochen werden, nutzlos.