Arnolds inneres Terrain war keine flache Niederung. Die gefährlichen Wasser, die ihn einige Monate hindurch in Paris und London umspülten, reichten nicht hinan. Der vorhergegangene, Geist und Körper stärkende Aufenthalt im Cockerill’schen Etablissement zu Seraing, wo Arnold, wie viele andere junge Männer aus guten Häusern, in der Blouse des Arbeiters in den Maschinenwerkstätten gehämmert und in den übrigen Stunden Sprachen und wissenschaftliche Studien betrieben, — hatte ihn an Kraftentwicklung und an den Genuß des Schaffens gewöhnt. Sprenger gab sich nie, am wenigsten in Paris, den Anschein ihn zu überwachen, behielt ihn aber fortwährend im Auge, und hatte die Befriedigung, ihn aus Versuchungen unbefleckt hervorgehen zu sehen.

Er stellte sich aber die Frage: „Vielleicht waren es für ihn keine Versuchungen?“

Wenn er sah, wie die Wange des jungen Mannes nicht nur beim Anblick eines großen echten Kunstwerkes sich höher färbte, sondern auch in der mit allem Sinnenreiz durchdufteten Atmosphäre der Oper, wie sein Auge nicht nur vor Laroche’s Napoleon, sondern auch vor Winterhalter’s Florinde aufflammte, so sicher er auch den innern Werth beider Bilder zu beurtheilen vermochte, so mußte sich Sprenger sagen: „er scheint nie anders als er ist, und wenn er das ganze hohe und niedere Lorettenthum an sich vorübergehen läßt, ohne durch einen Blick zu verrathen, daß es ihn reizt, so hat es ihn eben nicht gereizt. — Für dieses Wasser liegt er schon zu hoch. Ob nur für dieses?“

Die Zukunft allein konnte es beantworten: Sprenger hatte seine Aufgabe erfüllt und seinen geliebten Arnold so blühend und rein, so reizbar und offen, nur ernster und kenntnißreich in das Korbachthal zurückgeführt an das Herz des Vaters und konnte diesem sagen: „Laß ihn nun allein gehen: führen können wir ihn nicht weiter.“

Und nach drei im Schoße der Familie zugebrachten Tagen schlug Arnold, die kurze Fußreise durch das langentbehrte Gebirge vorziehend, den Weg ein, auf welchem wir ihm begegnet haben, und schritt im frohen Gefühle einer thätigen, ein bestimmtes Lebensziel verfolgenden Jugendkraft dahin.

Sumpf und Giftblumen lagen wohl tief unter ihm.

Aber ein kristallreiner Gebirgssee, — und eine weiße Wasserlilie —? — — — —

— — Der Brief nach Korbach war geschlossen und abgesendet. Arnold wollte spät am Abende seinen geliebten Freund Günther, den er verfehlt hatte, nochmals aufsuchen, als dieser bei ihm eintrat.

Ein gleiches Gefühl durchdrang beide bei der ersten innigen Umarmung — ein sehr ungleiches, als sie einander beim hellen Lampenschimmer betrachteten. Während Günther freudig ausrief: „Du bist ja ein ganz prächtiger Junge geworden!“ vermochte der Andere kaum den Schmerz zu verbergen, womit er in Günthers lebhaften, ausdrucksvollen Zügen jene Linien entdeckt hatte, welche gleichsam der Abdruck des Netzes sind, das eine unerbittliche Macht über ihr auserkornes Opfer geworfen. Nur die Stunde, wann es zusammengezogen wird, ist ungewiß; die Fäden sind unzerreißbar.

Reiseerzählungen und die Mittheilungen Günthers über Verhältnisse und gemeinschaftliche Bekannte in der Residenz füllten ein Paar Abendstunden. — Die heitere, sprudelnde Laune des Letzteren hatte gleichwol nichts von jener überreizten, verzweifelten Lustigkeit an sich, welche manchmal einen dem Tode Geweihten, seines Zustandes Bewußten, ergreift. Sie war ihm natürlich, und daß sie durch Vorstellungen, welche sie in vielen Andern gebrochen hätte, nicht einmal getrübt wurde, war das Ergebniß eines vollkommenen „mit sich Fertigseins.“ —