Das Band zwischen den Freunden war so fest geschlungen, — sie hatten sich mit ihren Eigenthümlichkeiten so vollständig in einander aufgenommen, daß sie nach der Trennung von vierzehn Monaten, so zu sagen im Buche ihrer Freundschaft ohne Nachblättern da weiterlesen konnten, wo es aufgeschlagen liegen geblieben war.
Arnold erzählte seine Reise zwar in natürlicher chronologischer Folge, langte jedoch unverhältnismäßig schnell im Freinhofe an. Er malte so ruhig und objektiv als möglich, nicht um vor dem Freunde ein halbes Geheimniß zu bewahren, sondern weil er kein ganzes zu haben glaubte. Nachdem er ihm die Aufschrift des Briefes, den ihm Julie gegeben „an Freiherrn Edmund von Sembrick“ gezeigt, welchen er heute nicht bestellt hatte wegen des Beisatzes „von 9 bis 10 Morgens zu treffen“ — schloß er mit den Worten: „Nun hast du Alles!“ — worauf Günther erwiederte: „Was habe ich? Nichts hab’ ich. Lieber Freund, den Abend im Freinhof, über den du jetzt in Worten, die eine halbe Stunde dauerten, geschwiegen, den mußt du mir erst erzählen.“
— „Ich habe dir Alles gesagt.“
— „Ja, Schifffahren, Stranden, Landen, Hutschwenken, Theetrinken, kurz wo sie hingegangen sind, was sie gethan haben, etwa noch was die Welt dazu gesagt hätte — das habe ich Alles bekommen. Was dein Herz dazu gesagt hat, das hast du weggelassen. — Ich bitte dich zu bemerken, daß du in deiner Geschichte nur eine halbe Stunde gebraucht hast, um über Brüssel, London und Paris in den Freinhof zu gelangen, und dann gerade eben so lang vom rothen Kreuz bis in die Fensterecke im Musikzimmer. Sei also so gut und rücke heraus, nach unserm alten Gelöbniß, uns nie Etwas nachträglich zu vertrauen!“
Er war lachend aufgesprungen und hatte Arnold an beiden Schultern gefaßt, ihn mit einem Gesicht ansehend, welches eine so unbeschreiblich komische Mischung von Grimm, gutmüthigem Spott und Bedauern war, daß es dem Freund, der diese Dekorazion wohl kannte, selten möglich war, auch nur die Voranstalten dazu ohne Lachen anzusehen. Als ihm jetzt dieses greuliche, hundert Erinnerungen gemeinschaftlicher Erlebnisse weckende Gesicht, ein wahres Kunststück Günthers, angrinste, fiel er ihm um den Hals und rief: „Du alter, guter, einziger Seelenbruder! wenn dir nicht mit einer Lüge gedient ist, so frage mich nicht weiter, — ich kann dir nur die verbrauchten Worte sagen: Ich weiß nicht wie mir geschehen. Ich weiß nur, daß ich, wenn ich nicht arbeite, immer an sie denke, und daß mir ist, als wenn ich eine vierzehnmonatliche Reise bloß nach dem Freinhof gemacht hätte!“
„Also hat doch der Teufel — —!“ rief Günther auf den Boden stampfend, und unterbrach sich mit den Worten: „Verzeih’, Alter! ich bin unverbesserlich, aber Gott sei Dank auch unveränderlich darin, daß mir, seit ich meine Mutter verloren, nichts so nah geht als was dich betrifft. — Jetzt schreibe mir alle Namen auf, die du im Freinhof gehört — einige klingen mir bekannt; ich werde morgen bei dir frühstücken und dich für deine Duft- und Nebelgeschichte in klingender Münze bezahlen.“
Arnold, dessen Gedächtniß jeden an seinen Gehirnwänden hingleitenden Klang behielt, wußte fast alle Namen und gab den Zettel dem Freunde, welcher rief: „Und nun leb’ wohl — bet’ und schlafe, daß dir besser werde!“ — und ging. — — — — —
Als Arnold allein, — als die Lampe verlöscht war, trat ein altes ewiges Naturgesetz in sein Recht: der Schleier des Tages war gefallen — der vorige Abend allein stand mit allem Zauber vor Arnolds Lager. Die duftenden Locken Juliens streiften wieder seine Wange. Er meinte, er müsse das Fenster öffnen und nach dem Schweizerhause sehen. — —
Günther las zu Hause den Zettel. — Die Namen waren für ihn keine todten Buchstaben, jeder rief ihm Menschen, Thatsachen, Erlebtes und Gehörtes vor.
Seine Freunde hatten oft von ihm gesagt, er habe einen spiritus familiaris, einen Taschenteufel, den er um Alles, was da vorgehe, befrage und der ihn hinter Gardinen und Konferenztische, in Geschäftsbücher und Liebesbriefe, durch den Schleier, den die Demuth über gute, und das böse Gewissen über schlechte Thaten legt, hindurchblicken lasse.