Heimliche Kriegszustände öffentlich friedlicher Familien, verborgene Krebsschäden scheinbar gesunder Vermögensverhältnisse, — Ehen, an deren im Dunkeln gebrochenen Ringe der gelöthete Sprung für die Welt unsichtbar blieb — Alles schien im Register des Taschenteufels aufgezeichnet, der seinem Herrn in jedem Augenblicke das verlangte Blatt hinhielt. — Und doch lag ihm nichts ferner als alles Forschen oder Eindrängen, aller an Weibern bemitleidenswerthe, an Männern geradezu verächtliche Klatsch. —

„Ich suche nicht und frage um Nichts — sagte er mit Recht — die Dinge kommen zu mir, sie fliegen mir an, wie Eisenfeile dem Magnet.“ — Der Kreis seiner Freunde war klein, der seiner Bekannten unübersehbar. — Durch seine Stellung als Beamter der Bank und Mitglied der Verwaltung einer der bedeutenderen industriellen Unternehmungen des Landes war er mit der Finanzwelt, durch seine leidenschaftliche Liebe zur Malerei und Musik mit allen Künstlerkreisen in Berührung.

Der Talisman, welcher das Wunder wirkte, daß ein nicht unbedeutender Mensch kaum einen einzigen Feind hatte, lag in einer Vereinigung von fester Selbstständigkeit, die sich nie etwas vergab, mit der durch keine Talente, durch keine sonstigen Vorzüge zu ersetzenden Gottesgabe der Liebenswürdigkeit — jener Liebenswürdigkeit, die nicht nur im ersten Augenblicke, sondern nachhaltend fesselte, weil sie auf dem festen Unterbau eines streng rechtlichen Karakters ruhte.

— Ueber das Ganze hin leuchtete eine heitere, oft geradezu tolle Laune, welche seine schonungslosen Einfälle nur als Schaumperlen im Champagner, nicht als verletzende Glassplitter erscheinen ließ. — Er besaß gewisse Privilegien in seinen Kreisen, von denen er bis an die äußerste Grenze Gebrauch machte. Es war unter den Frauen ausgemacht, daß „der Günther Alles sagen dürfe“ — — es lag eben in dem wie — — er machte seine Sprünge auf dem Glatteis anscheinend unmöglicher Gespräche ohne auszugleiten.

Dieses allgemeine Vertrauen war es, welches ihm in den verschiedensten Kreisen jene „Eisenfeile“ von Mittheilungen zufliegen ließ und dann verband er, mit Menschenkenntniß und scharfem Verstande kombinirend, ganz entlegene Daten und gelangte zu den überraschendsten Schlüssen. —

Dem Zustande seines Körpers, an dessen Zerstörung ein Brustübel langsam aber unaufhaltbar arbeitete, machte er in seiner Lebensweise nicht das mindeste Zugeständniß. Er war nun einmal entschlossen lieber drei Monate zu leben als drei Jahre unter Medizinflaschen zu vegetiren. — Weder schön, noch eine imponirende Erscheinung, hatte er dennoch bei Frauen entschieden mehr Glück als mancher weit glänzender Begabte, und da er dem Grundsatze, lieber zu leben als zu vegetiren, leider auch auf diesem Felde seine Geltung ließ, so hatte an den Linien in seinem Gesichte, welche Arnold mit Schmerz entdeckte, manche schöne weiße Hand als Verbündete des dunkeln Zerstörers mit gezeichnet.

Er überdachte alle Mittheilungen Arnolds, citirte den Taschenteufel und begab sich, nachdem er seinen Stoff geordnet, am nächsten Morgen zum jungen Freunde, der ihn mit erklärlicher Ungeduld erwartete.

Nach eingenommenem Frühstück zündete er wie in gesunden Tagen seine Zigarre an und sagte: „Du siehst mit einem so rührenden Jammer meinem Rauchen zu, daß ich dich vor Allem beruhigen muß. Das schadet mir nicht; ich bin überzeugt, daß es meinem armen Teufel von Vetter mit seiner Sparkasse-Anstellung von 500 fl. nicht um ein halbes Jahr früher zur Erbschaft verhilft. — Daß ich heute noch lebe, ist mir ganz angenehm, denn ich glaube dir Einiges leisten zu können. — Nun frage ich dich, bist du in einem Stadium, in welchem man dir die Wahrheit noch ohne Streuzucker geben kann?“ —

„Sprich und gib was du hast und wie du es hast, ich werde dich nicht einmal unterbrechen.“