„Gut! ich kenne, den Knorr ausgenommen, alle Uebrigen so weit, daß ich ihnen einen kurzen Steckbrief in Frakturschrift voranschicken kann. — Zuerst die radikale Blondine; du hast sie Zeltner genannt. Ihr Mann war im Kriegsministerium, ist weggejagt worden, unter die Literaten gegangen und hat in Hamburg eine Brochüre drucken lassen, in welcher der General-Adjutant Graf Greuth so zu sagen in effigie, moralisch gehangen wird. Zeltner wurde hierauf in persona, fisisch, eingesperrt, es wurde ihm ein Hochverrathsprozeß wegen anderer vorgefundener Schriften angehängt, und er sollte sechs Jahre in Königstadt sitzen. Eine Audienz aber, welche seine Frau beim General-Adjutanten erwirkt, verbreitet plötzlich neues Licht über die Sache, der Prozeß wird revidirt und die halbe Strafzeit erlassen. Die Blonde schien immer noch mehr Licht auf die Sache werfen zu wollen, denn sie hatte durch drei Monate einen ganzen Cyklus von Audienzen bei Seiner Excellenz. Es wurde aber nichts weiter revidirt noch gemildert, und sie soll jetzt bemüht sein, einer noch höheren Person die Angelegenheit ihres Mannes zu beleuchten, und, wie es heißt mit Erfolg. — Weiter. — Wörlitzer macht alle Geldgeschäfte für den Minister des Innern, Baron Thorn und für einige spekulirende Diplomaten. Außerdem gehört er zu denen, welche, wie man zu sagen pflegt, Alles mitnehmen. Er ist, wenn nicht Thorn’s rechte Hand, wenigstens seine Wertheim’sche Kassa und hat freien Zutritt bei ihm, und was mehr werth ist, eine schöne interessante Nichte. Der Baron Sembrick, an den dein Brief lautet und den ich für ganz honett halte, soll sich für sie interessiren. — Ich würde aber an deiner Stelle den Brief doch nur hinschicken und abwarten, was seinerseits geschieht. — Nummer drei: — der Geistliche, Pater Bernhard, kann kein anderer sein, als der Prior und wahrscheinliche künftige Prälat von St. Martin und hat vielen Einfluß auf unsern Erzbischof, der jeden Sommer mehrere Tage dort zubringt. Ich habe bemerkt, daß immer zur Zeit dieser Besuche irgend ein oberhirtlicher Wetterstrahl über die ungläubige Welt hinfährt. Der Pater kommt auch oft hieher, und wohnt dann beim Erzbischof. — Was den Husaren-Obersten von Plomberg betrifft, so kannst du seinen Fiaker alle Abende hinter dem Mersey’schen Palais stehen sehen. Plomberg ist der Geliebte der alten Gräfin, der Schwester der Obersthofmeisterin unserer Prinzessin Anna. Sie zahlt alle Jahre seine Schulden. — Schließlich Hofrath Blauhorn. Die Julie Kollmann hat dir von seiner bösen Frau gesprochen. Er ist aber doch nur durch sie vom Finanzminister in die Kommission ernannt worden. — Ich gebe dir noch als Vermuthung gratis in den Kauf, daß die beiden schönen Mädchen, wenn sie wirklich Leonore und Sidonie heißen, die Töchter des Vizepräsidenten Mildern sind oder vielmehr des Fürsten Leuchtendorf, bei dessen Kassa der alte Mildern unverschämt genug ist, die Pension seiner Frau persönlich zu beheben. — Knorr macht mir den Eindruck eines Menschen, dessen eine Hälfte klug genug ist, um die andere, verrückte, als Mittel zu benützen, sich im Freinhof gut füttern zu lassen. Ich will ihm nicht Unrecht thun, habe aber solche Kerls gekannt, die sich für ihre grobe Treuherzigkeit mit feiner Kost bezahlen ließen. — So weit einstweilen die Steckbriefe. — Ganz unbekannt ist mir das alberne Subjekt Reiland.“
In steigender Aufregung hatte Arnold zugehört. Er gedachte des Augenblickes, wo er durchs Fenster ins Theezimmer gesehen hatte. Es war ihm als betrachte er einen Hogarth’schen Kupferstich nach gelesener Erklärung. — Die Leuchtkugeln Günthers waren doch noch ganz anders wirksam als die acht Lampenkugeln. Derselbe fuhr fort:
„Wenn du nun Alles zusammenfassest, so wirst du mir erlauben die Behauptung aufzustellen, daß die ganze Gesellschaft im Freinhof, wie sie vor Erscheinung der Frau vom Hause beisammen saß, dasjenige ist, was wir, denen soziale Stellungen nun einmal nie so weit imponiren, um ein Kind nicht bei seinem Namen zu nennen, ein Gesindel heißen; von jener Gattung Gesindel, die im Salonwasser nicht nur gleichberechtigt mitschwimmt, sondern, wegen ihrer Leichtigkeit, sogar meistens obenauf.“
Arnold hatte gegen den kräftigen Schlußsatz nichts einzuwenden; es hatte ihm ja selbst weh gethan, sich ihr Bild in diesem Rahmen zu denken.
„Meine Bezeichnung, sagte Günther, ist hart, aber du weißt, daß ich gewisse Unterscheidungen von ganz, halb und drei Viertel honett nicht acceptire. Frage dich, ob dieser oder jener Mann, diese oder jene Frau die volle Achtung deines Vaters und deiner Schwester verdienen — das ist der Probierstein — und Alle, bei denen du Ja sagen kannst, gehören herüber und alle Andern hinüber. — Nun aber eine andere, wichtigere Wahrnehmung. — Es muß dir auffallen, daß alle diese Elemente im Freinhof ein Gemeinsames haben, noch außer der gebrauchten Bezeichnung, nämlich: jede dieser Figuren bildet eine Hintertreppe in eine höhere Region. Du siehst da Telegrafendrähte zusammenlaufen, durch welche auf die Prinzessin, zwei Minister, den Erzbischof, den alten Fürsten Leuchtendorf u. s. w. gewirkt werden kann — alles indirekt und durch Seitenthüren, nichts gerad und honett, aber vielleicht um so sicherer. — — Ob dieses Zusammentreffen bloß die Folge der chemischen Verwandtschaft, womit sich dieses Volk überall erkennt und anzieht, — ob es ein geleitetes, beabsichtigtes ist, dazu habe ich vor der Hand keinen Schlüssel.“ —
„Alles was du sagst, nahm Arnold das Wort, hat das Gepräge der frappantesten Richtigkeit. Es mag sein, daß du in deiner letzten Hipothese zu weit gehst. Doch hat dieß Alles keine Beziehung auf das, was mir jener Ort geworden ist. Was gehen mich die übrigen Besucher dort an? wenn nicht in dem Sinne, daß ich sie auf den Boden des Sees wünsche, und daß sie Julien vielleicht eben so unleidlich sind. Wer kann sagen, was sie zwingt, mit allen diesen Gesichtern freundlich zu sein?“
— „Weder du noch ich. Aber das Folgende geht dich an: wenn der Freinhof ein Punkt ist, wo die besagten Fäden mit Absicht zusammengezogen sind, so bist du zu einem solchen Faden bestimmt so gut wie die Andern.“
— „Und welcher Prinz oder Minister soll durch mich in Bewegung gesetzt werden, durch einen unbedeutenden jungen Menschen ohne Rang und Verbindungen?“
— „Keiner; sondern du selbst.“ — Günther sprach mit jenem Ernst, der eben an ihm, im Gegensatz zu seiner gewöhnlichen Laune, um so tiefern Eindruck zu machen pflegte. — „Täusche dich nicht hierüber. Gott erhalte dir deinen Vater lange Jahre, vergiß aber nicht, daß, wenn er die Augen schließt, du der Herr eines Besitzthums bist, welches ungefähr eine Million repräsentirt, eine Million in den reellsten Werthen die sich denken lassen, du bist überdieß — verzeih die Impertinenz unter Männern — ein entschieden schöner Bursche. Weißt du was das sagen will? Und wenn du albern und häßlich wärst, so ist dein Vermögen ganz allein hinreichend, um in dir entweder einen Zweck oder ein Mittel zu sehen.“ —
— „Ich gehe noch immer auf Alles ein. Aber alle Namen und alle Verhältnisse der Personen und deren etwaige Zwecke haben nur dadurch Interesse für mich, daß sie auf diese Frau Bezug haben; — welche Rolle willst du denn ihr, die mir nur den Eindruck eines lächelnden geschmückten Opfers machte, in dieser Gesellschaft, oder diesen Zwecken gegenüber, anweisen? Sie soll doch nicht die Seele von Intriguen oder ihre Hand die bewegende Kraft irgend eines unlautern Getriebes sein? Ich würde dir übrigens Alles vergeben, so lang du sie nicht gesehen. Weißt du mir denn, nachdem du alle Schattenparthien beleuchtet, gerade über den hellen, schönen Lichtpunkt nichts zu sagen?“