„Thatsächliches, über den Lichtpunkt — Nichts! Daß Kollmann vor ungefähr dritthalb Jahren hieher gekommen, den Winter über ein großes Haus gemacht, daß die Frau von allen Frauen verlästert, von allen Männern gefeiert wurde, daß sie im zweiten Winter verreisten und durch den Bau des Freinhofes nach der Rückkunft wieder ins Gerede kamen, — um das zu erfahren, brauchst du mich nicht zu fragen.“
„Lieber Günther, gestern hast du gesagt, ich hätte dir Nichts erzählt, — gabst dich nicht zufrieden, bis ich dich auf den Grund meiner Seele blicken ließ, und heute hältst du zurück. Deine Meinung über sie ist es, die ich von dir erwartete.“
Günther stand auf, stellte sich ihm gegenüber, sah ihm einen Moment schweigend in die Augen und sagte: „Nun denn —! deine ganze Julie Kollmann ist eine mit ungewöhnlichen Mitteln begabte Kokette! und wären nicht in dir selbst Zweifel an ihr aufgestiegen, so wäre dir nicht eingefallen, überhaupt um irgend eines Menschen Meinung zu fragen. Ich sehe in der affektirten Frase wegen des unversöhnlichen Hasses, in dem Wechsel von blassen und rothen Dekorazionen, in dem ganzen geheimnißathmenden Gespräche von Vertrauen und zu gewärtigenden Opfern, in dem Hinausgehen über alle Grenzen, welche weibliche Zurückhaltung gegen einen Fremden einzuhalten befiehlt, — nur eben so viele Beweise mindestens jener Koketterie, die auch ohne bestimmten Zweck ihr Feuerwerk vor Jedem spielen läßt, weil sich später ein Zweck finden kann. — Auch hat sie gesagt, daß ihr dein Name nicht fremd sei! Und nun sag ich dir mein Letztes: Ich habe diese Frau einmal gesehen — über ihre Schönheit kann nur Eine Stimme sein. Bist du bloß verliebt in sie — du kennst die tadelnswerthe Dehnbarkeit meiner Moral in diesem Punkte, — so magst du dich, wenn sie dich erhört, eines der reizendsten Abentheuer auf deiner Lebensreise freuen. Hast du aber das Unglück sie zu lieben, wie der Franzose sagt de la prendre au sérieux, so ist Alles, was gut und trefflich an dir, in Gefahr; Alles — von deinem Herzens- und Lebensglück angefangen bis — das getraue ich mir zu behaupten — bis zu deinen Metallfabriken herunter. Leb wohl und antworte mir jetzt nicht.“
Er bot Arnold die Hand, der sie tief ergriffen faßte und schweigend drückte; — seine Augen waren feucht.
So tief er auch vom Anfange der letzten Rede Günthers verletzt war — — in dem Augenblicke fühlte er nicht den Schmerz der Wunde, sondern nur den Balsam der innigen Liebe, welche in Günthers tiefem seelenvollen Blicke lag, und in dem schmerzlichen Zuge, welcher über die sonst so bleichen, nun hochgerötheten Wangen lief.
In heftiger Erregung ging er nach dessen Weggehen einigemale im Zimmer auf und nieder. Da fiel ihm der Brief an Baron Sembrick in die Augen.
Der mußte denn doch persönlich abgegeben werden.
Zimmerreise.
Edmund von Sembrick wohnte in der Jägerstraße, am entgegengesetzten Ende der Stadt. Ein Diener in einfacher brauner Livree öffnete das eiserne Gitter im ersten Stockwerke und fast im selben Augenblicke trat aus der gegenüber befindlichen Thür ein Mann in schwarzer Kleidung, mit weißen Haaren und einem klugen Gesichte, welcher Arnold bat einen Augenblick im Salon zu warten, dessen dunkelbraune hohe Flügelthüre er öffnete.