„Ich halte es für meine Pflicht, zu bemerken, — sagte Arnold — daß ich bisher nicht in der Lage war, das Vertrauen dieser Dame zu rechtfertigen, daß aber, wenn der feste Entschluß hierzu die Grundlage der von ihr gewünschten Bekanntschaft sein kann, ich mit Freude die Hand dazu biete.“
Es war gut, daß Arnold das Handbieten nicht wörtlich gemeint und die seinige nicht bewegt hatte, denn die Rechte des Barons blieb in der Brusttasche stecken, als er sagte: „Das Schicksal dieser Frau ist allerdings ein solches, welches jeden Mann von Herz und Ehre zur Theilnahme bewegen muß. Es fragt sich eben, ob Ihr Entschluß aus der Kenntniß der Verhältnisse, was ich bezweifle, oder aus der ihrer Person hervorgegangen.“ —
„Mag bei Ihnen das Eine, bei mir das Andere der Fall sein, — war Arnold’s Antwort — so wird das Ergebniß dasselbe sein, sobald wir uns offen über Dasjenige verständigen, was gethan werden soll, um in unglückliche Verhältnisse helfend einzugreifen.“ —
„Es handelt sich hier um etwas mehr. Ich brauche nicht zu sagen, daß der Eindruck Ihrer Persönlichkeit auf mich vollkommen dem Sinn dieser Zeilen entspricht. Allein, — Sie werden einem Manne, durch dessen Hände in einem bewegten Leben viele Angelegenheiten der schwierigsten und vertrautesten Art gegangen sind, zu Gute halten, wenn sein Gang ein wenig rascher ist als der einer jungen Frau. Ich verreise heute für einige Tage und behalte mir vor, Sie nach Beseitigung einiger Hindernisse mit Dingen bekannt zu machen, für welche wohl der Rahmen unseres ersten Gespräches zu eng wäre. Ich werde auf Sie als einen Gentleman im vollen Sinne zählen können.“
Arnold konnte durch sein rasches Aufstehen kaum dem des Barons zuvorkommen; er richtete sich vor diesem mit allem Stolz, der ihm zu Gebote stand, auf, und sagte: „Ich hoffe, mich des Gleichen zu Ihnen versehen zu dürfen, Herr Baron, und in dieser Voraussetzung werde ich Vorschläge zur Mitwirkung für eine gute Sache bereitwillig empfangen.“
Der Baron neigte den Christuskopf schweigend mit einem kalten Lächeln und abermals war, wie am rothen Kreuze, eine Geisterbrücke zwischen zwei Augenpaaren aufgebaut, — aber die beiden Seelen am Ende derselben standen einander gegenüber, wie zwei mit gezogenen Kanonen bespickte Brückenköpfe.
Als die schweren Thürvorhänge wieder zwischen ihnen lagen, nahm Sembrick Juliens Brief wieder zur Hand und ein innerer Vulkan schien die künstlichen Eisfelder auf den ausdrucksvollen Zügen zu schmelzen, als er die Zeilen wiederholt überlas. Sie lauteten: „Ich wünsche, daß Sie mit dem Ueberbringer, Arnold, dem Sohne des Besitzers von Korbach, bekannt werden. Ich darf nach dem, was ich durchlebt, auch mit meinen einundzwanzig Jahren von Menschenkenntniß reden, und sage Ihnen, daß er ein Mann ist, auf den Sie zählen können. Wenn Sie des letzten Gespräches zwischen uns gedenken, wo Sie ausriefen: „Nur noch Eine treue, verläßliche Hand!“ ohne sich näher über das, was Sie für mich ersonnen, zu erklären, so werden Sie meine Zeilen vollkommen begreifen. Man sieht auf den Grund eines tiefen Wassers, wenn es rein ist. Das seichte gilt oft für tief, wenn es trübe. Wozu ich eine Stunde gebraucht, dazu wird Ihrem Blick eine Minute genügen.“ —
„Grenzenlose Unbesonnenheit! rief Sembrick aus, — — und eben diesen! — Wohl hast du ihn recht gesehen, Julie — aber dieser Verbündete wäre schlimmer als ein Feind! — ein tiefes, reines Wasser nennst du ihn — du hast hineingeschaut bis auf den Grund — dein Bild darin gesehen — genug um das Auge hineinzutauchen, bis die Seele nachsinkt.“ —
Er wurde in dem Nachsinnen, das diesen Worten folgte, durch den Eintritt des Kammerdieners unterbrochen, welcher meldete, Herr Reiland wünsche seine Aufwartung zu machen. —
„Soll sogleich hereinkommen.“ —