„Ich weiß, ich weiß — doch genug für jetzt. Leben Sie wohl, Reiland, und geben Sie sich Mühe!“
„Ich werde die Ehre haben, nach dem Speisen aufzuwarten.“
„Wenn Sie nirgends geladen sind, speisen Sie mit Weinrotter.“
So hieß der alte Kammerdiener des Barons und Reiland nahm die Einladung mit Vergnügen an. Es gibt eben geborne Bedientenseelen und im Verhältnisse zu ihrer Gesammtzahl stecken wenige in Livree. Das Kleid verändert sie auch nicht. Man ziehe ihnen Staatsuniformen über, stelle sie auf jeden Platz, wo es gilt „Herr“ zu sein — und wenn sie vor Tausenden aufrecht dastehen, Einer wird einmal vorüberfahren, dem sie den Kutschenschlag zu öffnen, den Mantel nachzutragen bereit sind, — wenigstens in moralischem Sinne. — Reiland wird in einem fremden Lande, wo ihn Niemand kennt, ohne Bedenken seinen Panama-Hut mit einem Cilinder mit silberner Borte vertauschen, um den Preis einer Löhnung, welche das Einkommen übersteigt, das er von Sembrick bezieht. Vielleicht auch von Andern. — Er ist noch kein eigentlicher Schurke, — er wird noch roth, wie wir gesehen. Die Natur hat eben vergessen in seinen Teig den Gährstoff zu mischen, und ihm gerade so viel Scham gelassen, um vor einem Andern zu fühlen, was er Ehrloses gethan. Allein wohl niemals.
— — Sembrick aber überließ sich nun ganz dem Eindrucke des Briefes. Sein edles Antlitz war ein Kampfplatz von Zorn und Schmerz — in seiner Seele kämpfte vielleicht der Engel mit dem Teufel — Sankt Georg mit dem Drachen — der Genius des höheren Menschen mit dem durch Grundsätze gezähmten Raubthiere der Leidenschaft. — Wie war es möglich, daß diese Hand, welche für das breite Ritterschwert geschaffen schien, sich eines Gewürmes wie Reiland bediente? — Vielleicht dachte der Christuskopf, daß die Nachfolger seines Urbildes sich ja auch der Inquisizion bedienten?
Er schien endlich mit einem Entschlusse im Reinen; abzureisen hatte er wirklich vorgehabt, nur das Ziel wurde verändert.
In nicht geringerer Aufregung, als in welcher Sembrick zurückgeblieben, war Arnold die Treppe hinabgegangen. — Der Baron hatte ihn nicht nur in der Sache, sondern auch in der Form in einer solchen Entfernung gehalten, daß ihn neben der breiten Wunde des beleidigten Stolzes auch der feine tiefe Stich der verletzten Eitelkeit brannte, so wenig er auch von letzterer in sich hatte.
Sembrick hatte Julie eine theure hochverehrte Freundin genannt. Julie hatte gesagt, sie habe einen einzigen starken Karakter gekannt, der jenes „unversöhnlichen Hasses“ fähig. Das war Sembrick! — trotz aller der ewigen Liebe abgeborgten Linien seines Gesichtes. — Dann überdachte er seine eigenen Worte, und war wenigstens mit seiner Haltung gegen den Baron am Ende des Gespräches zufrieden. Aber Alles war ja Nebensache gegen die wahrhaft brennende Frage: in welcher Beziehung steht dieser Mann zu ihr?
Er hing, wie der Taucher, im Wirbelwasser der Zweifel, von Haifischen und Molchen der Eifersucht umringt, aber aus der Tiefe ragte das Felsenriff des Glaubens — an den einzigen langen tiefen Blick, der den Worten: „Ich vertraue Ihnen“ — auf ihrem Wege über dunkle Rosen geleuchtet.. und er hielt es fest. — — Doch fühlte er, daß er kämpfe, daß er den Schatz dieses Vertrauens gegen Etwas vertheidige. —
Seine Natur ließ ihn nicht lange in der Tiefe der Charibde hangen — an den spitzen Korallen. Den Becher der Hoffnung, daß sie aus Allem rein hervorgehen müsse, in der Hand, tauchte er kräftig auf in die ihn rufende Welt der Wirklichkeit, der unerbittlichen materiellen Beschäftigung.