Wer ihn eine Stunde später im Comptoir sah, und hörte, wie er die neuen Bestellungen des Marine-Kommando’s mit dem Geschäftsführer besprach und nach allen Gesichtspunkten erörterte, der konnte in den ruhigen, in die Rechnungen vertieften Augen nichts von dem lesen, was seit dem Morgen durch die Seele gegangen war.

Und er selbst ahnte noch weniger, was der Abend bringe.

Er suchte an demselben Günther auf. Dieser lachte ihn aus und sagte: „Ich habe mir von der persönlichen Uebergabe nichts Erquickliches versprochen; übrigens hast du deine Sache, nach den Umständen, gut gemacht, — Rückzug mit etwas dünnen, kriegerischen Ehren, wenigstens todesmuthig, wenn nicht siegesmuthig. Ich bin aber, trotz der Meinung, die ich so unverhohlen und, ich gestehe es, rücksichtslos über die Kollmann aussprach, überzeugt, daß sie diese Wendung nicht beabsichtigte. Sie glaubt offenbar mehr über ihn zu vermögen, als der Fall ist.“

„Das Schlimmste ist nur,“ rief Arnold mit einem Aerger, in dem einmal seine ganze Jugendlichkeit zum Vorschein kam, „daß nun alle Wege, alle Brücken zwischen mir und dem Freinhofe abgerissen sind! Ich war ja nur hingegangen, um mir einen Verkehr mit dort zu erhalten! Jetzt stehe ich vor der chinesischen Mauer!“ —

„Armer Kalaf! sei ruhig und glaube mir, die Turandot wird selbst den Schleier zurückschlagen. Und wenn du nicht ihr Kalaf bist, — bedenke die Möglichkeit — wenn Sembrick es wäre, so wird es dir nicht schaden, wenn du deinen Kopf noch ein Paar Tage herumträgst.“

„Und wenn er es ist,“ sagte Arnold entschieden, „so werd’ ich, weiß Gott, meinen Kopf behalten; das Herz hat damit nichts zu schaffen. Halte mich auch nicht für so blind und taub, daß ich das Richtige in deinen Urtheilen nicht unterscheide. Ich gestehe dir ja, daß ich mir selbst Fragen über Julie stellen muß, die ich noch nicht lösen kann, wie es mein Herz verlangt.“ —

„Vielleicht sind wir der Lösung in einer halben Stunde näher: damit du siehst, daß ich keine Schadenfreude über die abgebrochnen Brücken habe, baue ich dir selbst eine. Mittags erhielt ich einen Zettel von meinem alten Freund und deinem ehemaligen Meister, dem gar zu vortrefflichen Harkeboom — sagte Günther, den Namen eine Elle lang ausziehend im norddeutschen Accent. — Harkeboom hat die Ferientage zu einem Ausfluge benützt, von dem er mit verletztem Fuße zurückgebracht worden, und da ich nicht glaube, daß alle Professoren der Akademie sich in das Gebirg geworfen und die Beine gebrochen haben, so ist er es, von dem dein Schiffer erzählte, — das unglückliche Opfer, welches Julie auf den Wetterstein geführt. Er bittet mich, ihn zu besuchen, wird sich jedenfalls ungemein freuen dich wiederzusehen, und wenn du willst, so gehen wir gleich.“

Günther handelte nicht ohne eine kleine Perfidie. Als Arnold ihn rasch umarmte und nach dem Hute griff, dachte er: freue dich nicht zu sehr! Er rechnete auf das ruhige, nicht leicht zu bestechende Urtheil des im reifsten Mannesalter stehenden, gebildeten und liebenswürdigen Künstlers.

Es war ziemlich spät am Abende, als sie bei ihm eintraten. Der Professor saß aufrecht im Bette, ein Buch lag auf der rothen Seidendecke.

„Wer kommt?“ rief er mit seinem vollen schönen Organe. —