„Gute Freunde!“ erwiederten die Beiden, welche erst die Staffelei umgehen mußten, welche mitten stehend das Kabinet in zwei Hälften theilte.
„Ach das ist doch gar zu schön, Ihr lieben, vortrefflichen Menschen, daß Ihr des alten Harkeboom nicht vergeßt, und nu gar mein treuer guter Korbach!!“ Und so klang es fort in gemüthlicher Breite und mit einem gewissen wohltönenden Pomp aus der breiten Brust des Professors, dessen kahler Vorderkopf und wasserblaue freundliche Augen sich zu Sembricks Erscheinung verhielten, wie ein Albrecht Dürer zu einem Salvator Rosa.
Schwerlich konnte Günthers Kreuzzug zur Bekehrung des Freundes mit einem unglücklicheren Manöver beginnen als mit dem, freilich durch die Terrainverhältnisse gebotenen, Flankenmarsche um die Staffelei, auf welcher ein fertiger Freinhof mit angefangenem Wetterstein auf schwarzem Wolkengrunde wie eine maskirte Batterie lauerte. — Ein Blick Arnolds hatte Günther über die Wirkung ihres Feuers belehrt.
Der Professor hatte seine Erzählung des Ausfluges begonnen und seinen Unfall beschrieben „und wie dann der Herr Knorre, ein gar zu köstlicher, origineller Mensch, ihn mit seiner Riesenstärke eine volle Stunde weit geschleppt, und die liebenswürd’ge Frau Kollman, ein wahrer Schatz von einem Frauchen, neben ihnen hergegangen, und daß er über ihrem herzlichen Geplauder fast seines Schmerzes, und einer ganz unbeschreiblich ergreifenden Szene vergessen;“ — — —
„Aber wie haben Sie denn eigentlich, — Sie unverbesserlicher alter Sünder — unterbrach ihn Günther, diesen Schatz von einem Frauchen kennen gelernt?“
„Sehr einfach, sagte der brave Mann nach einem Gelächter „wie Orgelton und Glockenklang,“ sie ist im Frühlinge in mein Atelier gekommen und hat zwei Bilder bestellt, — es war eben ganz kurze Zeit nachdem ich den Unterricht der Prinzessin Marie übernommen hatte.“
Arnold erhielt einen nicht sehr leichten Tritt auf seinen Fuß, womit Günther den Zuwachs einer neuen Hintertreppe bezeichnete.
„Dann erhielt ich, fuhr Harkeboom fort, eine gar freundliche Einladung nach der schönen Besitzung, wo ich die Feiertage zubrachte, und in der Frau des Hauses eine ganz treffliche Dilettantin fand. — Da habe ich den ganzen Tag Studien gemacht — unter andern die Ansicht, die ich dort auszuführen angefangen — das ist der Wetterstein; aber was meine Gedanken am meisten beschäftigt, das konnte ich nicht hineinmalen. Diese Frau hatte die Parthie nach diesem Berge projektirt, und als sie widerrathen wurde, so ernst und entschieden erklärt, sie gehe allein, daß ich mich denn doch schämte. Herr Knorre sagte, sie wäre vor einem Jahre an demselben Tage hinaufgegangen. Nun hatten wir die Höhe erstiegen, welche ganz senkrecht nach dem See zu abfällt, — da macht sie uns ein Zeichen, zu bleiben, und steigt auf einen etwa ein Paar hundert Schritte höheren etwas überhängenden Vorsprung des Felsens, sieht einen Augenblick hinunter, dann kniet sie nieder; Knorre sagt: „Lassen wir sie mit ihrem Herrgott allein, sie ist ihm doch dort um zweihundert Klafter näher als unten am See.“ — Nach einiger Zeit kommt sie vom Gipfel herunter; — ich habe in meinem Leben kein so ergreifendes Bild gesehen... die Spuren der Thränen auf den Wangen, die Locken im Winde fliegend, ein Zucken um die Lippen und eine Flamme in den Augen, wie von der ungeheuersten schmerzlichsten Erregung; — wenn die Frau da oben gebetet, so wars kein Herr dein Wille geschehe, sondern ein Gebet um einen Wetterstrahl aus den rings aufsteigenden schwarzen Wolken, ob auf ihr eigenes Haupt oder ein anderes, das weiß der, an den’s gerichtet war! Das Bild möcht ich malen können: ich habe denn doch eine Skizze versucht — — es ist eben nicht ganz mißlungen — ach wollten Sie wohl, lieber Korbach, sich die Mühe nehmen den grünen Karton dort am Fenster zu öffnen — da liegt’s ganz oben!“ —
Im nächsten Augenblicke hielt Arnold mit zitternder Hand das Blatt gegen das Licht; es zeigte einen mit kühnen Strichen meisterhaft hingeworfenen Umriß.
„Obgleich nun, erzählte der Künstler weiter, die Frau sich keine Mühe gab, die Zeichen ihres Gemüthszustandes zu verbergen, so lag in den ersten Worten, die sie an uns richtete, ein so entschiedenes Ablehnen jeder Frage oder Theilnahme, daß von einem Besprechen dieser Szene keine Rede sein konnte, und nach kurzer Zeit war sie in den gewöhnlichen Ton übergegangen. — Wir sind doch einverstanden, meine Freunde, daß der Moment der Skizze, von der sich Arnold heute nicht mehr trennen zu wollen scheint, unter uns bleibt? Es muß da ein psychologisches Geheimniß dahinterstecken, das wir ehren wollen. — Da seht Ihr immer das Bild an! Gallait hätt’s freilich anders gemacht; ich konnt’ es noch nicht herausbringen, — aber Etwas habe ich mir doch mitgenommen — ihre herrliche Hand, die ich in Gyps modellirt habe — — reine Antike! — ach lieber Günther, ziehen Sie doch gefälligst den Vorhang von jener Etagère weg!“ — —