Ehe er aufstehen konnte, hatte Arnold das weiße Modell auf rothem Marmorsockel enthüllt, — und während Harkeboom seinem vormaligen Schüler begreiflich machte, daß man ein Modell nicht mittelst Anfühlen und Wärmen in der Hand, sondern mit dem Auge studiere, hatte Günther Zeit, die Resultate des kurzen Feldzuges zu betrachten. —

Das Freinhofgemälde, die Erzählung, die Hand, die Aquarell-Skizze — das war Montebello, Palestro, Magenta, — Solferino. Er trat einen Augenblick vor den Spiegel und sagte ganz leise zu seinem Bild: O König Wiswamitra, was für ein Ochs bist du! — oder warst du heute... Doch — früher oder später mußt’ es so kommen.

— — — Die Freunde gingen schweigend nebeneinander. Endlich begann Arnold:

„Ist das auch Koketterie?“

„Nein. — Um so schlimmer; was soll werden?“

„Gehandelt muß werden!“

„Wie das? Da du unter Handeln schwerlich ein Beseitigen Kollmanns verstehen wirst, von einem einfachen Abenteuer aber, wie ich nun erkenne, keine Rede sein kann, so sehe ich nur das selige Elend eines ziel- und endlosen Verhältnisses, welches entweder ins Materielle herabsinkt, oder in welchem, wenn es oben schweben bleibt, deine ganze selbstständige Existenz aufgeht.“

„Ich handle nicht um sie, sondern für sie. Unter Handeln verstehe ich das Aufbieten aller meiner inneren und äußeren Mittel, um den Schleier zu zerreißen und, was Feindliches für sie dahinter, zu bekämpfen. Halte mich aber nicht für so blond-gemüthlich und germanisch-treuherzig, daß ich ohne Bienenkappe in das Wespennest steche. Ich bin durch dich vor dieser Umgebung gewarnt. Wenn ich noch heute früh fragte, was sie mit einem unbedeutenden jungen Menschen vorhaben können, fühle ich mich nun bedeutend genug, für meine erste, einzige, herzinnige Liebe ihnen Allen den Handschuh hinzuwerfen. — Und wenn du mich meine Geschäfte mit lässiger Hand führen siehst, wenn ich träume, statt zu arbeiten, wenn ich über dem Pochen meines Herzens die Hämmer in Korbach vergesse, dann, und nicht früher, erlaube ich dir zu sagen, daß meine Selbstständigkeit in einem seligen Elend aufgegangen. Dich aber bitte ich, mir mit deinem scharfen Auge zur Seite zu stehen, welches eben nur dort irrte, wo es nicht selbst gesehen.“

— Günther wußte, was er für heute von seinem scharfen Auge zu halten habe, erwiederte aber — der vollendeten Thatsache gegenüberstehend — mit Nachdruck und Herzlichkeit: „So lange ich zu leben habe, rechne auf mich, — Gott mit dir!“ — — — — —

Arnold war am nächsten Morgen in froherer, selbst ruhigerer Stimmung erwacht, als an beiden vorigen Tagen. Er war vollkommen klar über sein Gefühl geworden. Aber bald empfand er, daß nichts eine bestimmte Gestalt gewonnen, als eben nur sein eigenes Gefühl. Er stand gerüstet da, das Silberschild der jugendlichen Zuversicht am Arm, das Schwert des festen, von Liebe entflammten Willens in der Hand, — es fehlte nichts als nur der Feind. Nicht einmal der Schleier, hinter dem er lauern sollte, war zu fassen.