Günther suchte er nicht auf. Er scheute sich, nach dem erlassenen Manifeste: „Gehandelt muß werden!“ in seiner dermaligen Rathlosigkeit vor ihn zu treten, und fürchtete ein gewisses lächerliches Streiflicht von Don Quixote, — Prinzessinnen befreien, — Riesen erlegen. — Desto lebhafter interessirte er sich für den Zustand des wackern Professors, den er in drei Tagen zweimal besuchte. Allein der Deckel des Kartons lag plump und dumm auf der Skizze und die Hand auf dem rothen Sockel rührte keinen Finger, um den Vorhang wegzuschieben. Harkeboom sagte ihm mit dem herrlichsten Organ gar zu gute und herzliche Dinge, war aber, mit leichten Wendungen, nicht wieder auf den Wetterstein zu bringen, und einen Satz, welcher ungefähr gesagt hätte: Herr, ich bin da, um Etwas von Julie Kollmann zu sehen und zu hören, — brachte er nicht über die Lippen. — Da die Hand und das Bild unsichtbar blieben, überließ er das Bein Harkebooms dem natürlichen Heilungsprozesse und ging nicht weiter hin. —

Tag auf Tag verging: er mußte Schwert und Schild an die Wand hängen. Kaum vermochte das Eiswasser der Arbeit seinen heißen Aerger zu kühlen.

— — Ereignisse von eingreifender Bedeutung fliegen selten einzeln, meistens in Schaaren, wie Zugvögel am Himmel unseres Lebens auf, — seien es Schwalben, die einen Frühling bringen, oder Krähen, die eine Leiche wittern. Nachdem eine Woche lang an Arnolds Firmamente nichts aufgeflogen, als das Sperlingsgewimmel der täglichen Geschäfte, trat ihm eines Abends der Comptoirdiener mit zwei Vögeln von unbekanntem Gefieder, — zwei Briefen von fremder Hand entgegen.

Der eine lautete: „Ich bitte Euer Wohlgeboren, mich wo möglich morgen zwischen drei und vier Uhr mit einem Besuche zu beehren, zum Zwecke einer, wie ich annehmen darf, für Sie interessanten und erfreulichen Mittheilung. Mit größter Hochachtung u. s. w. — Blauhorn, Hofrath.“ —

Der zweite enthielt eine Visitenkarte: P. Bernardus, Prior Conventus Sti. Martini, — und die darunter geschriebenen Worte „ersucht p. t. Herrn Korbach jun. sich morgen vier Uhr gefälligst zu ihm in das Erzbischöfliche Palais zu bemühen.“

Die gegebenen Stunden trafen so aufeinander, daß eben Zeit bleiben mochte für den Weg vom Staat zur Kirche. — Arnold gab sich keine vergebliche Mühe zu errathen, was die Brieftauben brächten. Was an ihrem Halse hing, war allerdings nicht vom Freinhofe, aber die Hand, die sie fliegen ließ, konnte nur dort zu finden sein. —

— — — Der Hofrath wohnte dem Finanzministerium gegenüber. Der Minister, Graf Breuneck, konnte in seine Fenster sehen und that es auch; ein Umstand, den Herr von Blauhorn nicht versäumte gegen jeden Besuchenden hervorzuheben.

Als Arnold dem Diener seine Karte gab, sagte dieser, der Herr habe befohlen ihn sogleich in sein Kabinet zu führen.

„Ich kann nicht umhin, Herr Hofrath, begann Arnold, Ihnen vor Allem ein Wort des Bedauerns über meine, wie ich mich baldigst überzeugte, ungegründete, jedenfalls voreilige Bemerkung am rothen Kreuze zu sagen, und bitte, dieselbe der Vergessenheit zu übergeben.“

„Sie wäre mir nie wieder eingefallen, wenn Sie mich nicht daran erinnerten. Uebrigens war der Schein zu sehr gegen mich. Ein ritterlicher junger Mann konnte kaum anders sprechen. — Doch nun zum Gegenstande unserer Unterredung. — Wir haben, wie Sie wissen, eine Kommission gebildet, deren Aufgabe es ist, zu ermitteln, auf welche Weise unsere Finanzlage verbessert werden könne. Dieselbe hat ihre Arbeit nahezu vollendet, welche nun einer Prüfung in der höchsten Region unterzogen werden soll. — Es sollen zu diesem Zwecke von der höchsten Behörde, dem Reichssenate, zeitweilige berathende Mitglieder aus den verschiedenen Ständen zugezogen werden, von denen eine gediegene Ansicht in ihrer Sfäre zu erwarten. Es ist mit größter Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß den Mitgliedern des auf solche Weise vielleicht um die doppelte Anzahl der bisherigen vermehrten Senates eine Anzahl anderer hochwichtiger Gegenstände zur Berathung vorgelegt werde, nach jenem, welcher ursprünglich seine Neugestaltung motivirte. — Sie begreifen die ganze Wichtigkeit eines solchen Postens. Der Name Ihres geehrten Herrn Vaters hat in den industriellen Kreisen einen Klang wie wenige; seine Erfahrungen, vielseitigen Kenntnisse und erprobte Gesinnung sind allgemein anerkannt, und es dürfte sich die ehrenvollste Gelegenheit finden, sie zur Geltung zu bringen. Se. Excellenz werden auf die Wahl der erwähnten zeitweiligen Senatsmitglieder — denen übrigens ein bleibendes Zeichen der Anerkennung nicht fehlen dürfte — einen gewissen Einfluß nehmen, — und es ist mir die Andeutung gemacht worden, daß die Zuziehung Ihres Herrn Vaters den Absichten Sr. Excellenz entsprechen würde. Ich habe, von Ihrer Anwesenheit zufällig in Kenntniß, nicht gesäumt, die Ermächtigung des Ministers zu meiner heutigen Mittheilung vertraulich einzuholen, und ersuche Sie, als das natürliche Organ, über dieselbe mit Ihrem Vater zu sprechen. Es könnte, so wenig eine Ablehnung denkbar, ein Hinderniß seinerseits obwalten, und ein etwaiger direkter Antrag Sr. Excellenz muß gegen jedes Nichteingehen gesichert werden.“