— — Er wurde in die Wohnung des Pater Bernhard, und, da dieser eben beim Erzbischof, über lange Gänge in einen großen Saal geführt, wo er sich in ein mit rothem Sammet gepolstertes Sofa mit weißem Gestell und Goldleisten setzte und lange wartete.

Der Eindruck der jetzigen Umgebung überwog den der eben erhaltenen Mittheilung. — Der Auftrag Blauhorn’s hatte seine Gedanken bereits zum Vater, in die Heimat geleitet: in dem erzbischöflichen Saale gedachte er nun des Pfarrgartens in Korbach, — wie da die Rosen dufteten und Weinranken die Fenstergitter umspannen. Wie da Alles grünte und blühte, als wären Worte Gottes vom Abendwinde aus der Kirche herübergetragen worden und befruchtend auf das Gartenland gefallen, zum Dank für die Lindenblüthen, die durch das offene Fenster auf die Kanzel geweht wurden. Wie war da Alles frohes Leben und thätige Liebe! Er gedachte auch des Klosters Sankt Martin, wo der Kreuzgang den kleinen Garten voll Blumenpracht und Sonnenglanz umschloß, und die nickenden Schatten der jungen Birken auf den Gesichtern der alten Aebte spielten, deren Bilder in langer Reihe die Wand bedecken. Der Ruß von Jahrhunderten liegt auf diesen weingrünen Fässern des heiligen Geistes, aber die Augen blicken noch glänzend und heiter, voll Glaubenskraft.... In allen Erinnerungen seiner Kindheit tönt der Lerchentriller mit dem Glockenklang zusammen. — Er hatte das heilige Wort nur aus dem Munde des würdigen, freundlichen Pfarrers vernommen, der von der Kanzel herabstieg, um das zu vollbringen, was er oben gesprochen.

Die Kirche war klein und eng, die Klosterhallen dumpf, und doch hatte er so frei darin geathmet, doch flogen Gefühl und Gedanke so hoch über das goldne Thurmkreuz hinaus!

Und hier in dem hohen, weiten Saale fällt es ihm so schwer auf die Brust, drückt ihn eine schwüle, den Geist narkotisirende Luft.

Es ist nicht die gewöhnliche, allbekannte geistliche Atmosfäre, die sich analisiren, materiell erklären läßt: dieselbe besteht einfach aus etwas Weihrauch, der von der Kirche herüberdringt, gewissen Exhalazionen der Gewänder, alten Schränke und Bücher, — Weinduft, und dem Abgang jener wahren, vollkommenen Sauberkeit, welche nur das Werk einer sorgenden Hausfrau.

Was hier drückt, ist nichts Materielles, sondern etwas rein Geistiges. — Es ist eine Gespensterfurcht, die eben nur den ungläubig Eintretenden zur Strafe befällt. Er sieht den Geist des geheimen Staatsministeriums des Dogma, — den Gegensatz zur lebendigen Kraft der christlichen Liebe; — das Gespenst des Torquemada, wie es am hellen Tage in den modernsten Gestalten durch die parkettirten Säle zieht. — Das ist eben Vision des Unglaubens! Der Fromme ist gefeit dagegen und weiß, daß unsere Kirchenfürsten sich nicht träumen lassen jene Zeit heraufzubeschwören! — — Wozu auch?

Arnold war nicht gegen die Gespenster gefeit: er glaubte jeden Augenblick eines aus der hohen Flügelthür treten zu sehen. — Es trat endlich der Dünnste unter den „Dünnen“ des Anastasius Grün heraus, — das Gesicht, dem er im Freinhofe die Palme der Unausstehlichkeit gereicht, und das ihm heute weniger so erschien, weil es ernst war, — nicht so liebreich! so schelmisch! —

„Ich habe Sie lange warten lassen, werther Herr Korbach, da ich eben mit Sr. Erzbischöflichen Durchlaucht die Angelegenheit besprochen, um deretwillen ich Sie bitten ließ. — Ihr Vater hat durch seine glänzende Munificenz in Betreff der Erbauung der, wie wir vernehmen nun vollendeten neuen Kirche in Korbach den schmerzlichen Eindruck mehr als verlöscht, welchen seine Haltung dem Protestantismus gegenüber, oder leider vielmehr diesem zur Seite, auf das Herz unseres Oberhirten gemacht hat.“

Arnold machte eine ablehnende Bewegung —