„Ich bin, der ich war und sein werde. Ich stand aber nie auf jener Höhe, wohin mich Ihr Gedanke stellte. Ich habe Nichts gethan, was Sie berechtigt, mich für ein übermenschliches Wesen zu halten, und das mußte ich sein, wenn mit dem Entschlusse für Sie zu kämpfen, nicht der Gedanke erwachen, mich mit Allgewalt durchdringen sollte, es ist um Sie!“

(— — — Wenn ein allgegenwärtiger Schutzgeist der Liebe die Worte hört und wiegt, welche als Bitte oder Schwur von Menschenlippen zu ihm hinaufgesendet werden, so vernahm er fast zur selben Minute das Wort, das Arnold zu seinem Freunde Günther sprach: Ich handle für sie, nicht um sie — — — und tief mochte sich unter dem reinen Gold die Wagschale auf Arnolds Seite neigen. — — —)

„So war es nicht immer, sagte Julie mit Innigkeit — Sie waren wie ich Sie sah! Sie standen wirklich auf jener Höhe, nicht ich habe Sie hinaufgehoben — — — jetzt hinweg mit den Schranken, welche eine alberne Wortprüderie um uns Frauen ziehen will: ich selbst will Ihr Inneres vor Ihnen aufdecken. Ich habe Ihre Liebe zu mir zur Klarheit geführt, bis Sie selbst sagten: „Ich habe überwunden, und bin im Stande, ohne Wunsch und Verlangen der Freund eines unglücklichen Weibes zu sein,“ — ich lasse Sie auch jetzt nicht im Dunkel und sage Ihnen, der Gedanke an Arnold ist es, der Sie zurückgeworfen in eine Tiefe, aus der Sie sich emporgerungen... Sie sind noch der, als den ich Sie kennen lernte, — Edmund, — in Frauenwang! — wo Sie jenes Kind gerettet — wo ich Sie zum ersten Male sah, als Sie den Sprung des de Lorges, aber nicht zwischen Tiger und Leu’n thaten — — die konnten sich erbarmen, — sondern an den feuersprühenden Rachen der Lokomotive hin, — im letzten Moment, — wo es keiner mehr wagte — und das Mädchen emporrissen! — — ich höre noch den Schrei der Umstehenden — der meine erstickte in der Brust — es war ja eines Haares Breite zwischen Tod und Leben! — und wie Sie das Kind dann ruhig an die Säule hinstellten, aber ohne es auch nur einmal zu küssen — — — Sie hätten es am nächsten Tage, vielleicht in der nächsten Stunde nicht wiedererkannt... Da zuckte mir’s durch die Seele, der kann dein Retter sein! — Dann gedacht’ ich der Kälte, mit der sie das dem Tod entrissene liebliche Geschöpf hingestellt — als wär’s ein Waarenbündel, — den nun der Eigenthümer wegtragen soll! Und eben darum, meint’ ich, konnten Sie es sein! Wie dann die Mutter, die ihr Kind in guter Obhut geglaubt, herbeistürzte, — sich zu Ihren Füßen warf, wendeten Sie sich mit zornigem Auge ab und sagten: Sie sind nicht werth eine Mutter zu sein! Dann fiel Ihr Blick, als Sie eben den Wagen bestiegen, auf mich — Sie sahen, wie ich den meinigen fest und lange auf Sie richtete, voll Bewunderung Ihrer Entschlossenheit, — mit dem Gedanken, dieser Mann wäre im Stande, auch dich von deinen Eisenschienen aufzuheben“ —

„Und dann kalt und ruhig wegzugehen — — der Weihrauch der Bewunderung, die Mirrhe des Dankes, das Gold der echten, reinen Freundschaft — — das sind die Gaben, die selbst der Welterlöser erhielt, — sollte ich unzufrieden sein? ich, der ich nichts gethan, als vielleicht Ihre Geduld, Ihre Hoffnung auf ein gelobtes Land der Zukunft gestärkt?“

„Und ist das Nichts? — ist’s denn nicht tausendmal mehr, als ich bieten konnte? Lebt’ ich nicht ohne Glauben an einen Menschen, ohne einen Funken Hoffnung eines Glückes, — und hab’ ich Ihnen nicht Beides zu danken?“

„Der Glaube an den Menschen mußte zerfallen, eben als Sie ihn in seiner ganzen Menschlichkeit vor sich sahen — — die Hoffnung eines Glückes aber sollen Sie so entschieden festhalten, als ich Sie nun verloren habe.“

„Und an welches konnten Sie glauben — —? Edmund, dürfen Sie, die Hand auf Ihr Herz, von Täuschung, — von Enttäuschung sprechen? Als Kollmann, der in Frauenwang kein Auge von Ihnen verwandte, Sie hier vorstellte, als er, — mir unerklärlich, Ihnen Alles mittheilte — — was Sie von mir nie erfahren hätten, als Sie dann mit mir darüber sprachen und sagten, ich ruhe nun nicht eher, als ich in meiner Waffensammlung den Dolch gefunden, der eine Kette zerschneidet, von welcher kein göttliches und kein menschliches Gesetz weiß — da sah ich mit dem Blicke des Weibes in der ersten Stunde, daß Sie mich nicht — — wie jenes Kind hinstellen würden. Ich bat Kollmann, Sie nicht wiederzubringen, — vergebens. Ich erhielt den Befehl mit Ihnen so liebenswürdig zu sein, wie mit allen Jenen, — — deren er bedarf. Auch das sagte ich Ihnen, auf jede Gefahr von seiner Seite hin. Und als der Augenblick kam, den ich fürchtete, als Ihr Gefühl, — wie ein heißer Quell aus Island, der das Felsenstück wegschleudert, um sich zu befreien, in das lang unterdrückte Wort ausbrach — — habe ich die Augen mit den Händen bedeckt —? habe ich Sie mit Entsetzen über ein Unerhörtes verlassen? — haben Sie eine jener Frasen der fliehenden Koketterie vernommen — ein „Mein Herr, was berechtigt Sie —? Ich habe mich in Ihnen getäuscht —?“ Oder ein ähnliches Nichts? — — Hat auch nur ein gepreßter Athemzug, ein verwirrter Blick Ihnen etwas Anderes gesagt als das heilig wahre Wort, das ich ruhig sprach: Wenn ich Sie liebte, so würd’ ich so freudig Ja sagen, als ich mit Schmerz um Ihretwillen Nein sage — — so würde ich nicht einmal fragen, ob Sie mich wieder lieben! — — Ich wäre darum doch nicht ein Haarbreit von jener Linie gewichen, die ich mir selbst gezogen, und Sie wären, wenn ich Sie liebte, ganz so unglücklich gewesen, als Sie jetzt zu sein glauben. Es ist einmal in den Sternen geschrieben, daß ein Mann keinen andern Preis seines Handelns und Strebens für eine Frau kennt, als sie selbst. Wenn von Enttäuschung die Rede sein kann, so bin ich es, Edmund, die das Recht hat zu sagen, Sie haben verheißen und nicht gehalten.“

— — Wenn ich sagte, ich habe überwunden — erwiederte Edmund mit sanftem aber festem Tone, so sagte ich damit, — um Ihr eignes Bild zu gebrauchen, das Felsstück ist auf den heißen Quell gedrückt — preßt ihn in’s Innerste zurück, — — Sie haben kein Ueberwallen mehr zu fürchten. Meine Worte aber, es müsse klar werden, was wir einander fortan sein können, sollen sagen: Bin ich fortan derjenige, in dessen Hand Sie die Lösung Ihres Schicksales allein mit unbedingtem Vertrauen legen wollen? — Bin ich es, so sollen Sie die Frau sein, für welche ein Mann, der sie unbegrenzt liebt, so handelt, um jenes höllische Gewebe zu zerreißen, als wäre er ihr Freund in dem Sinne, den sie verlangt — — ohne irgend eine andere Hoffnung. Bestehen Sie darauf, Ihr Geheimniß mit Korbach zu theilen, so gebe ich ihm alle Mittel in die Hand, die sich mir, wie ich die Sache verfolge, bieten werden, und behalte Nichts als das Bewußtsein, bis zum jetzigen Augenblicke Ihr Vertrauen ungetheilt genossen zu haben. — Mit Korbach Hand in Hand gehe ich nicht. — Unsere Wege führen auseinander. Der meinige ins Weite zurück, nachdem ich einen hellen, leuchtenden Mittelpunkt meines Lebens gefunden, der seine Kometenbahn in eine abgeschlossene Sfäre verwandeln konnte, — und den ich wieder verloren. Wohin der seine? — Ich kann den Lauf des tiefen, reinen Wassers nach dem Meere nicht hemmen, Julie, aber ich grabe ihm auch nicht das Bette dahin. — Das verlangen Sie von Sembrick nicht. — Verlangen Sie es um Korbach’s willen nicht! — Vergessen Sie nicht, daß er, um mit mir zu wirken, Alles wissen muß, und wer verbürgt Ihnen, daß Korbach den Kampf zwischen der Pflicht, für Sie zu schweigen, und jener, zu entdecken, so trägt wie ich?“