„Ich hoffe, Sie hatten in der letzten Zeit weniger zu leiden, da Kollmann, wie ich weiß, selten hier war.“

„Sie wußten —?“

„Ich behalte den Freinhof stets im Auge, wenn Sie auch nicht von mir hören.“

„Thun Sie, was Sie um meinetwillen für gut finden. Kollmann war vorgestern hier, eben als Arnold gekommen war. Er ließ mich rufen, nachdem die Gesellschaft auseinandergegangen. — Er lag im Bett, rauchte seine Zigarre, — ich saß neben dem Bette, im Nachtkleid, — das Fieber schüttelte mich. Er schwieg einige Zeit, — hatte die Augenlider gesenkt — da sah ich wenigstens nicht, was mir das Fürchterlichste ist. — — Sembrick — haben Sie denn je einen Menschen mit so weißen Augen gesehen? Es ist gräßlich, wenn er sie aufschlägt und ich diese Augäpfel — wie die eines Blinden — nur mit zwei schwarzen Punkten mitten, auf mich gerichtet sehe — — er sieht Sie durch und durch, — aber Sie können ihm nicht hineinsehen, nicht durch die äußerste Hülle der Seele. — Die schmalen, eiskalten Züge, der lippenlose Mund — das ist Alles nichts gegen diese Augen! — Endlich fragt’ er mich, wer im Freinhof — ich nannte Alle, auch Arnold — er sagte: Ich erwartete seine Rückkehr von der Reise und hätte ihn aufgesucht — nun kommt er selbst, um so besser, — so kann Alles durch dich gehen. — Ich fragte: Was hast du mit dem vor? — Nur Gutes, erwiederte er — so freundlich lächelnd — daß ich alle Mächte des Himmels um Schutz für Arnold anrief. — Und doch hat er auch schon Gutes durch mich gethan. Ich fragte, ob ich gehen dürfe, — er befahl mir, die Blauhorn durch ihren Mann dringend nach dem Freinhof zu laden und entließ mich. Am Morgen hatte er noch eine Unterredung mit Pater Bernhard und reiste ab. — Ich konnte den ganzen Tag das Bett nicht verlassen.“

„Und so wird und muß ein Moment kommen, rief Sembrick mit Schmerz aus, wo Ihre Kraft zusammenbricht, — ich fürchte, früher, als ich oder wen die Vorsehung erwählen wird, Hülfe bringen kann.“

„Fürchten Sie das nicht, erwiederte Julie lebhaft, fast heiter. — Sehen Sie meinen Arm an, ist er weniger rund? ist das übertriebene Korallenroth meines Mundes verschwunden? Ich bin in einzelnen Stunden viel elender, und Tage und Wochen viel weniger unglücklich als Sie glauben. Oft fühl’ ich’s gar nicht.“

„Ihre Abhängigkeit vom Momente, wie Sie’s nannten, ist in Ihrer Lage ein Gottesgeschenk. Ich gedachte aber des Nervenfiebers, von dem Sie mir erzählten.“ —

„Das war bald nach dem ersten Sturme, und gerade damals war die Sklavenkette leichter. Kollmann sagte: „Ich verlange von dir, daß du so liebenswürdig, so reizend, so unwiderstehlich sein sollst, als du sein kannst, gegen Alle, die ich dir bezeichne, dafür magst du es auch gegen Jeden sein, den du selbst wählest, ich ziehe dir keine Schranken.“ — — Ich bedurfte auch keiner; sie hätten Nichts verhindert, wenn ich von Gott nicht so geschaffen wäre, daß ich nicht untergehen kann. Meine Natur stößt nun einmal das Schlechte zurück.“ —

„Das ist’s, was Ihnen die alleinseligmachende Clique nicht verzeiht — hörten Sie’s doch selbst, wie Einer davon zum Andern sagte: Sie muß doch untergehen, — sie hat keinen Halt, — wenn sie noch rein ist, so ist’s nicht die Tugend der Grundsätze, sondern jene anmaßende, auf sich ruhende! — — und diese ist ihnen weit verhaßter als selbst die Sünde. Diesen Menschen ist eine Frau welche fällt, dann an dem Blumenstabe des Entsündigungs-Apparates hinaufkriecht und auf den positiven Krücken weiterhinkt bis zum nächsten Falle, hundertmal lieber, als eine, die das in ihren Augen unverzeihlichste Verbrechen begeht, ihrer nicht zu bedürfen, und gut zu bleiben, weil sie eben nicht anders kann und will!“

„Ich war gefeiert, und das war ein zweites Vergehen. Ich konnte mich dessen freuen; auch Sie waren in dem Irrthum, daß die Feuerräder und farbigen Raketen, die ich in der Gesellschaft spielen ließ, nur am Höllenfeuer des Schmerzes angezündet seien, welche eine heroische Willenskraft in sprühende Bouquets verwandelte, ich war aber hundertmal das als was ich erschien, ein gefeiertes junges Weib, das sich des Augenblickes freut.“