„Derselbe hat einen ruhigen, arbeitsamen Lebenswandel geführt und in keiner Weise Anlaß zu Bedenken gegeben. In Betreff seiner politischen Ansichten wäre hervorzuheben, daß er sich im besten Sinne sowol gegen die Arbeiter als anderwärts geäußert, auch nach der Euer W. bekannten Verhaftung des Oberingenieurs Alberti, mit welchem er auf freundschaftlichem Fuße gestanden, sich gegen dessen demokratische Umtriebe mit Entrüstung ausgesprochen.

„Kollmann hat hier im Hause eines gewissen Grünschenk, vormaligen Besitzers einer Gipsstampfe, gewohnt, welcher, während eines der häufigen tagelangen dienstlichen Ausflüge Kollmanns, starb, und demselben ein kleines Legat von 1500 Gulden, sein übriges bedeutendes Vermögen aber der Gemeinde vermachte. —

„Während seines hiesigen Aufenthalts ist er trotz seiner höheren Bildung nicht mit den Honorazioren, sondern meist mit gemeinen Leuten umgegangen. Im Ganzen war er ernst und schweigsam und äußerte nur lebhafte Freude über das Legat, das ihm seinen Lieblingswunsch erfülle, reisen zu können, wie er denn auch kurze Zeit nach dem Ableben des Grünschenk Trautenberg verlassen hat. Womit ich die Ehre habe u. s. w.“

Ein zweites Schreiben, aus Genf, bestätigt, „daß Kollmann daselbst, bald nach seiner Ankunft, die Bekanntschaft eines Fräuleins Julie Brito gemacht, welche, väterlicherseits verwaist, mit ihrer Mutter daselbst trotz ihrer notorisch sehr günstigen Vermögensumstände einfach und zurückgezogen lebte. Bei Kollmanns Ankunft sei die Mutter bereits auf den Tod erkrankt gewesen und habe die Trauung ihrer Tochter mit ihm nur um zwei Tage überlebt. Das Vermögen sei wahrscheinlich in seine Hände übergegangen.“ —

Der Aufwand Kollmanns bei seiner Ankunft mit der jungen Frau in der Residenz, so wie der Ankauf einer Chemischen-Produkten-Fabrik war hierdurch allerdings erklärt. Das dritte Schriftstück jedoch ist es, welches dem gemüthlichen Kommissär bisher das meiste Behagen und zugleich das größte Herzeleid bereitete. —

Er hatte die Orte in Erfahrung gebracht, welche Kollmann auf seiner Reise berührt, und aus Mannheim die Nachricht erhalten, „daß er daselbst einige Tage in einem Hotel gewohnt und mit einem Fremden lange Unterredungen gehabt, welchen man seines als gefälscht erkannten Passes halber verhaften wollte, jedoch um einige Stunden zu spät kam. Die Behörde habe die Ueberzeugung, daß der Fremde kein Anderer gewesen als Wangerode, das bekannte Haupt der deutschen Emigrazion in London.“

Der Chef, welchem Lipprecht, mit seinen frühern Bedenken gegen Kollmann abgefertigt, dieses Schreiben mit vieler Befriedigung vorgehalten, war aufmerksam geworden, und hatte die Korrespondenz, welche dieser zu seinem Privatvergnügen eröffnet hatte, offiziell fortsetzen lassen. Es ergab sich jedoch, daß man Kollmann so wenig verpflichten konnte, den Fremden als Wangerode gekannt zu haben, als ihn die Mannheimer Polizei als solchen, wenigstens zur rechten Zeit, erkannt hatte; und da derselbe inzwischen festen Fuß im Lande gefaßt und hohe Protekzionen gewonnen hatte, so war Lipprecht angedeutet worden, daß man es anerkennen werde, wenn es ihm gelinge, in demselben einen Konspirator zu fangen, daß aber die Polizei keinen Grund sehe, auf ihn als solchen Jagd zu machen. —

Lipprecht zog sich nun zurück, keineswegs gekränkt, sondern lachend über die Bornirtheit, welche da nicht einmal Keime sah, wo nach seinem Gefühle schon eine reife Frucht abzuschütteln war, und bedauerte, daß man diesem Gefühl nicht mehr traute, als den gedankenlosen Zuschriften von Agenten, welche nur mit den äußern Sinnen wahrnehmen.

Sein polizeiliches Herz hatte einmal laut gesprochen und sagte: die ganze industrielle Thätigkeit und die ehrgeizigen Bestrebungen Kollmanns sind der Deckmantel seiner politischen Rolle. Irgend ein kleines ordinäres Kriminalstückchen mochte mit im Spiele sein, aber für ihn war der Mann vor Allem Emissär im großen Stile, und davon brachte ihn kein Verkehr desselben mit hochgestellten Leuten, kein Orden, kein Konsulsposten ab. —

Sein Standpunkt bei Beurtheilung eines Revoluzionärs, seine Auffassung dieses Wortes verdienen ein näheres Eingehen.