Da er so oft von den peinlichen Pflichten seines Standes gesprochen hatte, gerieth er in einige Verlegenheit, als er eine sehr bedeutende Erbschaft machte, und nun gefragt wurde, ob er denn nicht den unangenehmen Dienst quittire? Er fand jedoch, daß sich in seiner Stellung so zahllose Gelegenheiten darboten, Gutes zu wirken, — humane Zwecke zu verfolgen, daß es Pflicht sei zu bleiben. Seine Uneigennützigkeit ging so weit, daß er in wichtigen Fällen, wo ihm die knickernde Behörde nicht die nach seiner Ansicht ausreichenden Mittel zur Verfügung stellte, wohl auch eine Reise oder die Belohnungen selbstgewählter Organe aus seinem Eigenen bestritt.
Seine Chefs schätzten seine Leistungen, ohne ihn zu lieben. Wenn man schon, mit einer wirklich unverschämten Ironie, irgend ein Gefühl im büreaukratischen Verkehre mit dem Ausdruck „lieben“ bezeichnen will, so hatte er sich dasselbe durch seine Selbstständigkeit und Unlenksamkeit verscherzt. — Immer freundlich und immer lächelnd, that er Nichts als was er für zweckmäßig hielt, kümmerte sich um keine Instrukzion und pflegte nachträglich in Form einer Entschuldigung auf eine für die höhere und folglich unfehlbare Instanz höchst unverdauliche Art nachzuweisen, daß, wenn er nach der Instrukzion gehandelt hätte, die ganze Sache fehlschlagen mußte. Auch mißbilligte man seinen losen Mund über die siechen öffentlichen Zustände und über die Taubheit gegen Reformvorschläge an maßgebender Stelle. — Er schimpfte wie ein agent-provocateur, ohne es jemals zu sein. Solche polizeiliche Schülerarbeit lag tief unter ihm. —
Eben hatte er eine glänzende Aufgabe gelöst und zur Verzweiflung der hohen Gesellschaft einen ihr angehörenden bisher undurchdringlichen Schurken aus dem Salon ins Zuchthaus befördert. Es war eine schwere und lange Arbeit gewesen, er glaubte der Erholung und einiger Zerstreuung zu bedürfen und folgte um so lieber einer Einladung Günthers zu einem Champagner-Souper tête-à-tête, von welchem er eben in der rosenfarbensten Laune nach Hause kommt.
Allein die Gedanken an Ruhe sind bereits verflogen. Günther hat ihm den, übrigens nie von ihm vergessenen Namen Kollmann frisch ins Gedächtniß gerufen.. der Name raucht und leuchtet wie Fosfor in seinem Kopf!
Er hat seine Lampe angezündet, läuft oder rollt vielmehr pfeifend in seinem Zimmer auf und nieder, — bleibt vor seinem Sekretär stehen, — zieht ein Lädchen und aus diesem ein Packet Schriften heraus und blättert darin mit einem Behagen, wie ein Don Juan in alten Liebesbriefen. —
Das erste Dokument ist fast drei Jahre alt. —
Damals war es buchstäblich nichts als das Gesicht Kollmanns, welches seine Aufmerksamkeit erweckt hatte. Was ihn eigentlich, abgesehen von den wirklich unheimlichen Augen, so polizeilich simpathisch berührte, darüber vermochte er sich nicht Rechenschaft zu geben. Eine hohe Stirn mit einer tiefen Falte, — der Mund, der nichts als ein farbloser, feiner Querschnitt im bleichen langen Gesichte war, das durch den spitzen Kinnbart noch um zwei Zoll verlängert wurde, — alles das kam an Tausenden vor. Allein er hatte bei seinem Anblick Etwas in sich „rege werden“ gefühlt, ein gewisses prickelndes Behagen, welches ihn niemals getäuscht.
Er erkundigte sich auf eigene Hand, da die Behörde sich auf fisiognomische Inzichten und seine Impressionen nicht einließ, und schrieb, nachdem er erfahren, daß Kollmanns Paß von Trautenfeld datire, an einen dortigen Unterbeamten. Von diesem erhielt er den oben erwähnten Brief, den er zwar auswendig wußte, aber nun aufmerksam überlas. Derselbe lautete:
„Euer W. geehrtem Auftrage gehorsamst entsprechend, habe die Ehre zu berichten, daß Jakob Kollmann, Civil-Ingenieur und Chemiker, 35 Jahre alt, dessen Person-Beschreibung mit der von Ew. W. gegebenen genau übereinstimmt, sich auf hiesiger Herrschaft vier Monate hindurch aufgehalten und im Auftrage des Besitzers, Bankiers Freiherrn von Sieberg beschäftiget war, Vermessungen, geognostische Untersuchungen und Erz-Analysen vorzunehmen.