Ein thätiger Freund.
Wer ist es, der an dem Schicksale eines Menschen theilzunehmen vermag, ohne durch Bande des Blutes oder der Freundschaft an ihn gefesselt zu sein? ohne Wohlthaten von ihm empfangen, ohne ihm welche erwiesen zu haben? — der mit inniger Sorgfalt der Quelle seiner Freuden und Schmerzen nachforscht, bis er sie aufgefunden, — seinen Gedanken folgt und ihrer Entwicklung bis zur That? — unermüdet lauscht auf jede Regung seiner Wünsche — auf seinen Schritt in Licht und Dunkel, — und, ohne Dank oder Lohn von ihm zu hoffen, das treue Auge auf ihn heftet, das ihn begleitet über Land und Meer — —?
Wir können es Niemandem verdenken, wenn er meint, es sei die Vorsehung oder etwas Aehnliches. — Es ist aber die Polizei. —
Wenn es uns gelungen sein sollte, einen Leser für die Persönlichkeit Kollmann’s zu interessiren, — wenn die Familie Korbach — Günther — Baron Sembrick und noch eine Anzahl Männer und Frauen, im verschiedensten Sinne an ihm Antheil nehmen, so können wir versichern, daß er, wenn gleich in anderer Richtung, in eben so hohem Grade das Interesse eines Mannes erregt hat, welcher weder sein Freund noch Feind, noch Verwandter ist, und dennoch nicht ablassen kann, seiner zu gedenken.
Es ist dieses der Polizeikommissär Lipprecht, — dessen Erscheinung alle herkömmlichen, eingeteufelten Polizei-Schablonen vollkommen Lügen straft. — Es läßt sich kaum etwas Gemüthlicheres denken als das dicke, glänzende, tadellos rasirte Gesicht dieses Mannes, an welchem Alles lacht — von der gespannten spiegelglatten Stirnhaut bis zu den Grübchen in den Wangen und dem fetten Kinn, — ja bis zu den runden, schneeweißen kurzfingerigen Händen. —
Merkwürdigerweise weicht dieses wohlwollende Lächeln gerade im Dienste nie von ihm. — Er ist da am heitersten; — wie ein Kavalleriepferd, das die Trompete hört, ganz Feuer und Leben, mit dem Herzen Polizeimann. — In guter Gesellschaft spielt er sich häufig auf den Mann hinaus, der das Gehässige seines Berufes fühlt und wird manchmal fast wehmüthig über die schmerzliche Pflicht, einigen seiner Mitgeschöpfe zu schaden. —
Seine außerordentlichen Leistungen bei Entdeckung zweier geheimer Etablissements, deren eines sich mit Vervielfältigung von Banknoten, das andere mit Vorarbeiten zur gewaltsamen Umgestaltung der Regierungsform beschäftigte, hatten seinen Ruf festgestellt. Wenn man einen Zeitungsbericht über eine „schauderhafte That“ las, der mit den Worten schloß: „Leider ist es den Bemühungen der Behörden noch nicht gelungen, den Schuldigen u. s. w.“ — so sagte Jeder: „Hätten sie es lieber gleich dem Lipprecht gegeben.“
Er war für sein Fach geboren; — Natur-Polizeikommissär. — Sein politisches Prinzip betreffend, würde er der Republik ganz so gern und gut gegen dinastische Umtriebe gedient haben, als er der Dinastie gegen demokratische diente. Näher lag ihm die Idee vom Schutze der Gesellschaft, aber die eigentliche Triebfeder war reines Jagdvergnügen, und mit dem Augenblicke, wo er des Wildes habhaft, war auch sein Interesse dafür erloschen. Solche, die ihn genau kannten, behaupteten, er wäre der Mann, der — wenn er vor Entdeckung sicher wäre — allenfalls einen Spitzbuben entspringen und ihm einen Vorsprung bis Hamburg ließe, um wieder von vorn anzufangen.