Dieß war der auf losem Wellsande aufgeführte Unterbau ihrer moralischen und materiellen Existenz. Letztere ward durch Zeltners Prozeß untergraben, durch die Erbschaft eines „Onkels in Köln“ wieder aufgebaut. — Als aber ihre späteren Beziehungen zum Grafen Greuth bekannt wurden, fand sie sich von der guten Gesellschaft, worin sie früher gelebt, ausgeschlossen, und somit isolirt. Mit der eigentlichen demi-monde ging sie nicht um. Sie ging ihren eignen Weg, — stand und fiel für sich allein.

In Folge des politischen Prozesses Zeltners und der zweimal erfahrnen gräflichen Treulosigkeit hatte sich ein Gewirr von roth-republikanischen Ideen in ihr gebildet: prinzipiell guillotinirte sie Alles vom Baron aufwärts, trennte aber wie ein Staatsmann das Prinzip von den Personen. Ein praktischeres Resultat für sie war die Besonnenheit, mit der sie nun die angeborne Leidenschaftlichkeit zu bändigen verstand, — in Folge welcher Besonnenheit sich das Verhältniß zum Prinzen noch in einem zukunftsreichen ersten Stadium befand.

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Günther konnte sich zwar nicht sagen, daß seine heutige Thätigkeit für den Freund, wenn sie ersprießlich war, mit großer Aufopferung verbunden gewesen, fand aber darin keine Ursache unzufrieden zu sein.

Es freut uns, ihn auf seiner Rohrbank sitzen und einmal einen Abend ruhen zu sehen. Er hat in den letzten Tagen nicht gelebt wie Einer, bei dem erst vor drei Wochen der Tod, zwar nur mit einem ganz leichten, unscheinbaren Hustenanfalle angeklopft, aber dabei, wie schon mehrere Male, eine mit blutiger Frakturschrift geschriebene Visitkarte abgegeben hatte.

Die Fensterläden schließen glücklicherweise fest genug gegen die Steine, welche eine höchst achtbare fromme Schar durch das Efeugewinde auf ihn schleudern möchte, weil ihm die herübergewehten präludirenden Töne der Weltgerichtsposaune nicht wie ein Memento mori klingen, sondern wie ein Memento vivere! — Und schlügen sie auch durchs Fenster, so prallen sie am breiten festen Schirm eines Gewissens ab, in welches dreiunddreißig Jahre nicht Eine Handlung gegraben, welche der unverfälschte Urtext des Gesetzbuches der Pflicht und Ehre verurtheilt hätte.

Wenn in der Gallerie seiner Erinnerungen viele reizende, vor den Augen der Moralisten nicht Gnade findende Bilder hingen, so war dieß immer besser als die Gallerie der meisten Moralisten selbst, in deren dem Publikum geöffneten Sälen zwar lauter Kreuzigungen und Himmelfahrten hängen, — in einem Kabinet zum Privatgebrauch aber meistens Ein Stück — — worüber das Pergament der daneben liegenden Bibel erröthet.

Vielleicht war aber, ganz abgesehen von der sündhaft angenehmen Perspektive, welche das Abenteuer mit Klotilde eröffnete, der Weg, auf dem er für Arnold wirken wollte, ein solcher, von dem dieser gesagt hätte „daß ihn kein Korbach geht?“

Wir antworten: nicht vielleicht, sondern gewiß!

Aber die zehn Jahre, um die er länger in die Welt gesehen, haben ihm die Illusion genommen, daß die Zwecke der Schlechten mit lauter turniergemäßen Waffen bekämpft werden können. — Und wenn der alte, große Mephisto ins Proscenium tritt und „zu dem jüngern Parterre das nicht applaudirt,“ sagt: „Bedenkt, der Teufel der ist alt, so werdet alt, ihn zu verstehen!“ — so darf wohl unser guter Taschenteufel, der nur das Beste will, seinem jungen Freunde zurufen: „Werde um zehn Jahre älter, und du wirst verstehen, daß man einen Marder, Iltis, oder Kollmann nicht mit Edelfalken jagt, sondern in Fallen fängt, — wenn man kann.“