Der Kommissär hatte noch einen bösen Moment, wo er die ganze Kunstreise zum Teufel wünschte, als er nämlich auf dem Rückwege über das Plateau ausglitt, aber glücklicher als Harkeboom.

Im Augenblick wo er am Boden lag, tauchte hinter dem nächsten Steinblock ein Kopf hervor, aus dessen Munde die Worte erschollen: „Bedaure unendlich, werther Herr! bleiben Sie aber gefälligst liegen, ich helfe gleich!“ Damit war er auch schon an Lipprechts Seite, und hob ihn, ohne Hülfe des etwas vorangegangenen Jägers, mit einer Leichtigkeit empor, als wäre der Kommissär ein Kautschukballon. Dieser dankte dem gefälligen Riesen, den wir wohl nicht zu nennen brauchen, aufs Verbindlichste und sagte: „Sie scheinen mit diesem Terrain vertrauter als ich, der ich meine Naturbewunderung mit einigen Beulen bezahle. Der Wetterstein scheint die Dilettanten zu kennen“ —

„Besser als diese ihn; der zweite Fall in wenig Wochen“ — erwiederte Knorr. — „Ich gehe oft herauf, bin aber selbst neulich über die kleine Wand dort abgefahren, daß mich meine eigenen Hunde apportiren wollten. Aber wo wünschen Sie denn eigentlich Ihr Nachtquartier aufzuschlagen? hoffentlich nicht da oben?“ fragte er, als er sah, welche Richtung Lipprecht einschlug. —

Dieser setzte ihm seinen Plan auseinander. — „So wahr ich Knorr heiße und auch übrigens ein ehrlicher Kerl bin, gebe ich das nicht zu! Sie gehen mit mir den bequemen Weg ins Thal hinunter, schlafen in meiner Einsiedelei und gehen morgen wohin Sie wollen oder müssen. Ehe Sie über den Steig da hinauf kämen, wäre es finster. Sie wären ein zu fetter Bissen für einen dieser Höllenrachen, als daß er nicht nach Ihnen schnappte! Im vorigen Jahr hat er einen dürren Engländer eingeschluckt, den sie aber theilweise wieder herausfischten, und vor drei Jahren einen noch dürreren Holzschreiber von Trautenfeld“ —

Lipprecht zog rasch ein Blatt und Bleistift heraus, schrieb eine Ordre an den Wirth, seinen Wagen nach der Stadt zurückzuschicken, gab den Zettel dem Jäger und schickte diesen fort. Knorr’s Einladung nahm er zu dessen herzlicher Freude an, und sagte: „Ich habe drüben von einem Verschollenen, Namens Walcher gehört, aber Niemand wußte Näheres.“

„Ich war selbst neugierig, da ich den armen Teufel gekannt. Vielleicht liegt er zehn Schritte von uns! Aber wer kanns sagen? Die Holzknechte fanden Nichts. Die Polizei hat sich nicht damit befaßt, und meine Hunde, die jedenfalls weit klüger sind, haben nicht einmal im ersten Jahre Etwas entdeckt, — geschweige jetzt, wo der Holzschreiber schon ein ganz appetitliches, sauberes Skelett sein muß.“

Lipprecht hielt es passender, mit einer humoristischen Wendung seinen Karakter zu enthüllen, als weitere Ansichten Knorr’s über die Sicherheitsbehörde abzuwarten, — und die Männer setzten lachend ihren Weg fort.

„Ich habe, begann Knorr wieder, meinen Nachbar im Freinhof, einen gewissen oder ungewissen Kollmann, wenigstens zwanzigmal gefragt, ob er denn, als Grundherrschaft, nicht wisse, wo der Holzschreiber liegt? Die ersten Male wurde er grob, aber jetzt lacht er dazu. — Es ist so ein fixer Spaß unter uns.“

„Aber warum werfen Sie Ihre Vermuthung eben auf den Wetterstein, während jene der Trautenfelder auf dem ganzen Gebirgszuge herumirrt?“

„Herr! — wenn Kollmann seine Besitzung am Jaitsteine hätte, so würde ich nach diesem fragen. Es ist nur wegen des fixen Spaßes.“ Nun veränderte sich aber plötzlich der Ausdruck seines Gesichts, und er sagte mit jenem Ernst, den er auch im Gespräch mit Sembrick mit einem Mal gezeigt: „Mein sehr lieber und werther Gast, ich sage Ihnen, nicht als solchem, sondern als Polizeikommissär, daß ich leider Gottes das Rechte nicht weiß. Sehen Sie, ich rede immer von meinen Hunden; diese haben von meinem Verstande nichts angenommen, ich aber von ihrem Instinkt. — Das ist Alles!“