Baron Heidenbrunn ahnte nicht, daß die Besprochene, nur in einer Entfernung von zwölf Stunden, in derselben Richtung fahre, und eben so wenig, daß das Gespräch nicht von zwei Engländern vernommen wurde.
Sprenger erinnerte sich nicht, seit Arnold’s Kindheit je einen so schweren Stand gehabt zu haben. — Bei der Erwähnung seines Vaters war er bereits aufgesprungen und Sprenger hielt ihn geradezu mit Gewalt zurück, und sagte: „Arnold! habe ich dich denn je einen andern Weg geführt, als den der Ehre? Ich selbst lade dir die Pistolen bei der ersten Ehrensache die du auszufechten hast, aber das ist keine. — Wenn er deinen Vater einen gescheidten Kerl nennt, so ist das nach meinem Verstande keine Beleidigung, und im Uebrigen erfüllen sie ihre Aufträge, für die du die ganze Coterie zur Rede stellen müßtest.“
„Es handelt sich um etwas ganz Anderes! entgegnete Arnold — Meinst du, ich könnte den Beiden, wenn sie beim Aussteigen an mir vorübergehen, ins Gesicht sehen als Fremder, und morgen oder übermorgen als Korbach? daß sie dächten, aha, das ist der! im Waggon hat er sich geduckt! — Diesen Leuten gegenüber muß man eher zu viel thun, als zu wenig! Ich werde ruhig sprechen und es wird sich erst zeigen, ob sie renommiren wollen.“
Damit zog er seine Hand aus jener Sprenger’s und trat, mit einem raschen Schritt um die Scheidewand der Sitze, vor die Offiziere, welche durch das lautere Gespräch und die Laute der Muttersprache überrascht, einander ansahen und im Momente eine Revüe ihrer eigenen Unterhaltung hielten, die allerdings einen sehr konfidenziellen Karakter gehabt.
Die Gedanken: Verdammte Civilisten! — Aufpasser, — Zusammenhauen (die Hauslogik des Roßkavaliers) fuhren durch Plomberg’s Kopf, während Heidenbrunn, obwol ungefähr auf derselben Höhe, mehr über die eigene Unbesonnenheit als über die Indiskrezion ärgerlich war, die nach seiner Auffassung darin lag, daß zwei Passagiere sich nicht die Ohren mit Baumwolle verstopften, um ein im Waggon laut geführtes Gespräch nicht zu hören.
Arnold’s Gesicht hatte in dem Augenblick, wo er vor sie hintrat, durchaus keinen herausfordernden Ausdruck, sondern nur jenen ruhiger Offenheit. „Herr Oberst, begann er, Sie haben in der Unterredung, deren unfreiwilliger Zeuge ich war“ — „Halt, fiel Plomberg ein, unfreiwillig, das leugne ich; von dem Augenblick, wo Sie hörten, daß das Gespräch nicht für fremde Ohren berechnet war, stand es bei Ihnen, durch einige laute deutsche Worte zu zeigen, daß Sie uns verstanden.“
Immer ruhig, aber sehr bestimmt, versetzte Arnold: „Abgesehen davon, daß auch ein Ausländer Ihre Sprache verstehen konnte, mußte ich voraussetzen, daß zwei Herren in Ihrer Stellung an einem öffentlichen Orte, vor Fremden, nur dann sich in so vernehmlicher Weise unterhalten, wenn sie keinen Werth darauf legen, ungehört zu sein. Nicht mir, sondern Ihnen stand die Beurtheilung zu, ob Ihre Worte für fremde Ohren geeignet seien!“
„Darüber wollen wir nicht streiten, — sagte Plomberg mit hinaufgezogenen Augenbrauen, — aber ich möchte fragen, was Ihnen eigentlich zu Diensten steht?“
„Ich wünsche, als Sohn des erwähnten Fabrikanten, die Ansicht, welche in einem hohen Kreise über die Handlungsweise meines Vaters vorherrscht, bei Ihnen, meine Herren, dahin zu berichtigen, daß derselbe mit dem, was Sie einen originellen Coup genannt, eine Handlung vollbracht, auf welche jeder Ehrenmann stolz sein muß; daß jenem Vorgang nicht ein einziges Motiv zum Grunde liegt, welches Zweifel an seiner Loyalität, oder Schritte rechtfertigen könnte, die ihm nachtheilig sind.“