Nach einigen Minuten klingt ein Fenster über den Häuptern unserer Freunde, — sie überblickt ein Paar Minuten die Aussicht und schließt es wieder. Die Vorhänge rollen herab: die Dame bedarf der Ruhe, der Sammlung ihrer Mittel zu großen Zwecken. —

Arnold wäre ihr jetzt nicht ausgewichen, da sie ihm wie ein freundlich humoristischer Gruß von Günther erschien, und weil überhaupt ein in der Heimat fremdes Gesicht in der Fremde zum bekannten wird. Ist’s vollends ein Gesicht wie das Klotildens, so liegt, wenn auch von einer Anziehungskraft für Arnold keine Rede sein konnte, wenigstens nichts Abstoßendes im Gegenstande.

Er begab sich nun mit Sprenger zu Franchini, welcher sie in seinem Kabinet empfing. Der Kopf des Banquiers hätte jedes Bild eines Gesandtenkongresses geziert. Die freien, intelligenten Züge waren wohlwollend und gewinnend, — seine schneeweißen Haare und lebhaften schwarzen Augen dienten einander als Folie, — Ausdrucksweise, Bewegungen und Toilette vollendeten den Eindruck des banquier-diplomate.

Nachdem Arnold, so zu sagen als Missionschef, in klarer Form und zu sichtlicher Befriedigung des Zuhörers die Hauptzüge des fraglichen Geschäfts entwickelt, und Sprenger die Umrisse hie und da mit Details ausgefüllt hatte, faßte Franchini, schnell und mit freundlichem Tone sprechend, das Gesagte zusammen: „Der Zweck Ihrer Reise, meine Herren, ist die Sicherung der Bestellungen für die Marine. Sie deuten auf Konkurrenz hin. Es war vor kurzer Zeit ein Agent eines Herrn Kollmann hier, der auch meinen geringen Einfluß in Anspruch nahm. Ich habe abgelehnt, da kein Grund vorliegt die Verbindung mit Ihrer Firma zu lockern. Sie wünschen den Abschluß mitzunehmen und eine Audienz beim Prinzen soll Sie gerade ans Ziel führen. Es bedurfte keiner Empfehlungsbriefe, um mich aufs Wärmste für Sie zu interessiren. Ich hoffe Ihnen einen Dienst zu erweisen, indem ich Ihr Ansuchen um die Audienz vermittle, da ein mir offener indirekter Weg unter dem Gedräng der Festlichkeiten vielleicht der Anmeldung in gewöhnlicher Form vorzuziehen ist.“

Franchini schloß mit einer Einladung, heute und die ganze Zeit ihres Aufenthaltes, seine Mittaggäste zu sein; — die beste Gelegenheit, sie mit mehreren Notabilitäten, namentlich dem Direktor der Marine-Kanzlei bekannt zu machen. —

Arnold konnte keinen bessern Erfolg des ersten Besuches wünschen. Einige andere füllten den Vormittag. Sie fanden auf ihren Gängen die Stadt in lebhaftester Bewegung; wo immer drei Menschen beisammen standen, hörte man die Worte Villa, Ball, Beleuchtung, und die Namen des Monarchen und des Prinzen. Wir folgen dem allgemeinen Impulse und wenden uns zuerst zu Letzterem.

Der Prinz war einige zwanzig Jahre alt, und seine körperlichen und geistigen Eigenschaften mochten für jeden Posten besser taugen als für den, welchen er bekleidete. — Schwer konnte man sich diese zarte, schlanke Gestalt in der Admiralsuniform an Bord des Linienschiffes denken, als Beherrscher der schwimmenden Donnervulkane. Wenn man den blonden Schein über der feinen Lippe, durch welchen der Wunsch einen Schnurbart zu tragen ausgedrückt war, wegnahm und die weichen Haare zu Ringellocken auszog, konnte er ganz gut eine junge Lady vorstellen. — Sein Geistiges stand insofern im Einklange damit, als er eine lirische Natur war, welche im Mittelalter weniger das Ritterschwert geführt, als mit der Laute des Minnesängers Frauendank und Bandschleifen erkämpft hätte.

Er hatte, wie alle Prinzen des Hauses, eine militärische Erziehung bekommen, behielt aber auch in der modernen Uniform die mittelalterlich romantische Richtung. — Seinem Sinne war das gesammte reguläre Militär nicht simpathisch. Kreuzfahrerkostüme, oder in wirren Haufen hinjagende Tscherkessen und Perser, spanische Guerilla’s, Palikaren, — kurz alle pittoresken Gestalten waren Labsal für seinen Sinn, und er wendete auf dem Paradeplatz gern den Blick von der steifen Linie der defilirenden Grenadiere nach der Suite, nach dem fliegenden Gemeng der glänzenden Uniformen aller Waffengattungen.

Er dichtete, und nicht einmal ganz schlecht. Eines der weniger gelungenen Gedichte war aber seine Führung des Statthalterpostens einer Provinz, welche zu den widerspänstigsten des Reiches gehörte, und welche er durch eine Art von cour d’amour im Stile des Königs René, Maskenzüge, orientalisch kostümirte Trabanten und Tableaux zu beruhigen gedachte. Er ließ es dabei auch an Unterstützung der Künste und wohlthätigen Spenden nicht fehlen, machte aber, dem ernsten, festgewurzelten Hasse gegenüber, mit seinem heitern, durchsichtigen Streben nach Popularität vollständig Fiasko, mehr als es vielleicht mit einer puritanisch-strengen Haltung der Fall gewesen wäre.