Als sich sein der Centralgewalt längst nicht zusagendes Sistem praktisch nicht bewährte, verlangte und erhielt er das Marinekommando, wobei ihm jedoch wieder die Bilder von Tempesta, das Wimpelgeflatter und alle Seeabenteuer von Jason bis auf Marryat lebhafter vorschwebten, als die trockene Aufgabe, eine in der Entwicklung begriffene Marine zu organisiren. — In angebornem Pflichtgefühl suchte er seiner Aufgabe gerecht zu werden, arbeitete mit den Fachmännern, so lange er eben aushielt, erwarb sich die Liebe der Untergebenen und der Stadt, welche ihn von seiner glänzendsten Seite, der repräsentirenden, kennen lernte, und entschädigte sich für die Mühen seines Berufes durch Feste und Galanterie.
In letzterer Beziehung war er von dem Regime der Minnesänger, welche von einem Stück blauen Band und Sacktuchwehen vom Erker herab eine Anzahl Jahre lebten, bald abgewichen, und hielt diese Richtung nur in seinen Gedichten fest, während im wirklichen Leben Bänder und Taschentücher nur insofern Gegenstände seines Wunsches waren, als ihr Besitz zugleich jenen der Eigenthümerin bedeutete. Im Gedichte verherrlichte er die Silfide, den weibgewordenen Mondstrahl: in der Wirklichkeit zog er die niederländische Schule der deutschen vor, und schätzte eine Dürer’sche Madonna dann am höchsten, wenn er auf dem darunter stehenden Sofa einer Rubens’schen Frau zur Seite saß. — Dabei war er jedoch ziemlich beständig, und man konnte seine liaisons während dreier Jahre an den Fingern Einer Hand aufzählen. Seine poetische Natur schmückte die Erwählte mit Reizen, die ihr vielleicht nicht eigen waren, und es ließ sich nachweisen, daß der Bruch der bisherigen Verhältnisse immer durch eine Thatsache herbeigeführt worden, welche Seine Hoheit überzeugen mußte, daß man ihr ritterliches Vertrauen mißbraucht habe.
Das Admiralitätsgebäude, dicht am Hafen, entsprach in keiner Beziehung seinem Geschmacke. — Es gewährte keinen Ueberblick, kein Bild! — Der Wellenspiegel mit den Objekten seiner Thätigkeit sollte unter ihm liegen — die Marine in Morgen- und Abendbeleuchtung — des Mondes nicht zu erwähnen — — und er selbst auf der Höhe, sinnend an eine Säule gelehnt — mit dem Nelson-Perspektiv hinunterschauend! — Auch lag die Admiralität mitten unter andern Häusern. Nicht einmal Hinterpforten. Jede „Rubens’sche Frau“ mußte vermummt zwei Schildwachen passiren.
Nun thronte die Villa auf der Höhe des Berges, der dem Dampfer der Levante über die Nebeldecke der See den ersten Gruß zusendet! Aus reichem Grün glänzt die Gloriette mit ihren Marmorstatuen, und die Flügel liegen halbmondförmig in den Armen der Waldhöhe. — —
Die Fantasie des Prinzen war einige Monate hindurch in voller Gährung über die Ausschmückung der Villa. — Es waren so ziemlich alle Stile vertreten, griechischer, gothischer, Renaissance... er hatte eine eigene Erfindung im Kombiniren von Erfundenem. So wenig das Auge des Kenners ein Labsal fand, so sehr bestach das Bauwerk die große Masse, durch den Reichthum des Stoffes und gewisse Effektstücke, die nicht ohne Reiz waren, wie z. B. der achteckige Saal, der das Centrum bildete. Die Mauerflächen waren mit weißem Marmor überkleidet, Baumstämme, täuschend aus dunklem Bronce gearbeitet, stiegen in jeder Ecke empor, unten glatt, oben in Aesten, Verzweigungen, und endlich in ein grünes Laubdach sich ausbreitend, welches den ganzen Raum überwölbte, und über welchem durch die Kuppel von blaßrosenfarbenem Glase das Licht einfiel, ohne daß man eine Flamme sah. Ein alter Gedanke, den aber der Prinz auf seinen Reisen doch nirgends ausgeführt gesehen. —
Wenn in dem anstoßenden Sale die Glasgemälde der Fenster bunte Farbenflecken auf den spitzen gothischen Zierrath der Wände und Gewölbe warfen, und in einem dritten das Kristallbassin mit Blumenfontaine, und die Teppiche und niedern Ottomanen einem Märchen der Scheherasade zu lauschen schienen, so mochte das Gesetz des Schönen durch den Mangel an Einheit noch so sehr verletzt werden, die Sinne wurden doch eigenthümlich gereizt, wenn der Lichtstrom und Blumenduft sich durch den ganzen Raum ergoß, und man das Ganze nur als fantastische Traum-Mosaik, als märchenhafte Zimmerreise in einem Zauberpalaste betrachtete.
Fast stellte die Villa ein Bild des Staates dar, dem der Prinz angehörte. Ein Bild seiner schönsten Zeit! Das bunte Gemenge seiner Nazionen, von Einem Gebäude umfangen, von Einer Hymne durchklungen, Eine Fahne hoch wehend über dem Farbengeflatter der zahllosen kleineren — wie hier die Kuppel Alles überragt, durch ihr Ueberragen allein dem Ganzen einen Halt und Mittelpunkt gibt. — Denkt die umfangende Mauer weg, — und der altgläubige gothische Saal steht feindlich dem Grazientempel, — der blühende Orient den klaren, scharfen Formen des Westens entgegen, — — und dennoch vermag kein’s als Ganzes für sich zu bestehen.
Doch die Villa ist kaum erbaut! — Wer denkt hier an Zerfallen?